NAZA: Warum der Film von Yuval Abraham einen politischen Sturm in Israel auslöst

15/09/2026
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© 2026  Stéphane Cardinale

Yuval Abraham und Rachel Szor stehen im Zentrum eines eskalierenden politischen Konflikts in Israel. Ihr Dokumentarfilm NAZA, der beim Filmfestival von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, untersucht die israelischen Militär– und Geheimdienstsysteme hinter den Angriffen auf Gaza. Kurz nach der Preisverleihung drohte Kulturminister Miki Zohar damit, den beiden Regisseuren die israelische Staatsbürgerschaft entziehen zu lassen.

Die Auseinandersetzung geht jedoch weit über einen Streit zwischen einem Minister und zwei Filmschaffenden hinaus. Sie berührt grundlegende Fragen: Wie viel Kritik darf ein Staat aushalten? Wann wird ein Dokumentarfilm zur politischen Anklage? Und was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn die Darstellung ziviler Opfer als Verrat behandelt wird?

Ein Film über ein System, nicht über Einzelfälle

NAZA konzentriert sich nicht ausschließlich auf einzelne Luftangriffe oder sichtbare Zerstörung. Der Film versucht, die Struktur hinter den Entscheidungen zu erklären. Dafür sprechen 24 israelische Soldaten, Geheimdienstmitarbeiter und Insider über Überwachung, Zielauswahl und den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gaza-Krieg. Ihre Identitäten werden aus Sicherheitsgründen verborgen; Stimmen und Gesichter wurden digital verändert.

Der Titel des Films bezieht sich auf einen militärischen Begriff, der die erwartete Zahl ziviler Todesopfer bei einem Angriff beschreibt. Die Bezeichnung wirkt technisch und neutral, steht aber für eine erschütternde Realität: Menschenleben werden in eine kalkulierbare Zahl verwandelt.

Gerade darin liegt die besondere Wirkung des Films. NAZA behauptet nicht lediglich, dass es zu Fehlern gekommen sei. Die zentrale These lautet vielmehr, dass bestimmte Verfahren, Befehlswege und sprachliche Verschleierungen zivile Opfer nicht als Ausnahme, sondern als einkalkulierten Bestandteil militärischer Operationen erscheinen lassen.

Yuval Abraham und Rachel Szor richten den Blick deshalb auf die „kleinen Zahnräder“ eines großen Apparats. Ihre Gesprächspartner beschreiben, wie digitale Daten, Mobiltelefone und automatisierte Systeme zur Ermittlung möglicher Ziele genutzt worden seien. Laut den im Film wiedergegebenen Aussagen konnten Angriffe auch dann genehmigt werden, wenn bekannt war, dass sich Familienmitglieder in den betroffenen Häusern befanden.

Die politische Reaktion

Miki Zohar bezeichnete den Film als „widerwärtig“ und warf den Regisseuren vor, den Staat zu verraten. Nach seiner Darstellung würden Yuval Abraham und Szor Israel im Ausland absichtlich schaden und Kritik an der Kriegsführung mit antisemitischen Kräften verbinden. Auch der rechtsextreme Minister Itamar Ben-Gvir griff die Filmemacher an und forderte sie auf, das Land zu verlassen.

Diese Reaktion ist politisch bedeutsam, weil sie den Konflikt von der inhaltlichen Ebene auf die Frage der nationalen Zugehörigkeit verschiebt. Anstatt die im Film erhobenen Vorwürfe Punkt für Punkt zu prüfen, wird die Loyalität der Regisseure angegriffen. Damit entsteht ein bekanntes Muster: Wer staatliches Handeln kritisiert, wird nicht als Bürger mit einer abweichenden Meinung behandelt, sondern als Gefahr für die Gemeinschaft.

Die israelische Armee wies die Anschuldigungen des Films zurück. Sie kritisierte insbesondere die anonymen Aussagen, die ihrer Ansicht nach nicht unabhängig überprüft werden könnten, und erklärte, sie unternehme außergewöhnliche Anstrengungen, um zivile Schäden zu vermeiden.

Diese Stellungnahme ist für die journalistische Einordnung wichtig. Anonyme Quellen können notwendig sein, wenn Informanten mit beruflichen, rechtlichen oder persönlichen Konsequenzen rechnen müssen. Gleichzeitig müssen solche Aussagen besonders sorgfältig geprüft werden. NAZA baut nach Angaben der Produktion auf mehrjährigen Recherchen von The Guardian, +972 Magazine und Local Call auf. Der Film versteht sich daher nicht als spontane Anklage, sondern als audiovisuelle Fortsetzung bereits veröffentlichter Recherchen.

Warum die Staatsbürgerschaft im Mittelpunkt steht

Die Forderung, die Staatsbürgerschaft zu entziehen, ist keine gewöhnliche politische Beschimpfung. Sie stellt die grundsätzliche Beziehung zwischen Bürger und Staat infrage.

Nach den vorliegenden Berichten kann Israel die Staatsbürgerschaft unter bestimmten Voraussetzungen entziehen. Das Verfahren ist jedoch rechtlich begrenzt und erfolgt nicht allein durch den Kulturminister. Ein Antrag des Innenministers, die Zustimmung des Justizministers und eine gerichtliche Bestätigung sind erforderlich. Die Maßnahme wird selten angewendet.

Das bedeutet: Zohars Erklärung ist zunächst eine politische Drohung und noch keine vollzogene Entscheidung. Trotzdem kann eine solche Drohung reale Folgen haben. Sie kann die Betroffenen einschüchtern, andere Journalisten zur Selbstzensur bewegen und die öffentliche Debatte verengen.

Für Yuval Abraham ist die Situation besonders sensibel. Er war bereits als Mitregisseur von No Other Land international bekannt geworden. Der Film über die Zerstörung palästinensischer Dörfer im Westjordanland gewann den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Nach der Premiere des Films wurde das Umfeld von Yuval Abraham von rechten Angreifern bedroht, wie er in einem Interview berichtete.

Dass ein preisgekrönter israelischer Künstler nach einem internationalen Erfolg als Verräter dargestellt wird, zeigt die zunehmende Polarisierung innerhalb des Landes. Der Streit handelt deshalb nicht nur von einem Film, sondern auch davon, wer definieren darf, was als patriotisch gilt.

Die Macht der Distanz

Eine der stärksten Aussagen von NAZA betrifft die räumliche und emotionale Entfernung moderner Kriegsführung. Die im Film interviewten Personen beschreiben eine Arbeitswelt, in der Zielentscheidungen aus Büros oder technischen Kontrollräumen getroffen werden, während die Folgen andernorts eintreten.

Diese Distanz kann die Hemmschwelle senken. Wer ein Ziel auf einem Bildschirm markiert, sieht nicht zwangsläufig die Familie, die sich in dem betroffenen Gebäude befindet. Wer von „Kollateralschäden“ spricht, muss nicht unmittelbar von Kindern oder Eltern reden. Die Sprache macht Gewalt verwaltbar.

Yuval Abraham erklärte, Geheimdienstmitarbeiter könnten über Telefone und andere Überwachungssysteme Informationen über die Menschen in einem Haus erhalten. Gerade deshalb sei die Behauptung einer vollständigen Unwissenheit problematisch.

Das ist der Kern der ethischen Debatte über künstliche Intelligenz im Krieg. Automatisierte Systeme können große Mengen an Daten schneller verarbeiten als Menschen. Sie können jedoch nicht automatisch die moralische Verantwortung übernehmen. Wenn ein Algorithmus ein Ziel vorschlägt, bleibt die Entscheidung über einen Angriff eine menschliche und politische Handlung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob ein System technisch korrekt arbeitet. Entscheidend ist auch, welche Daten verwendet werden, welche Fehlerquote akzeptiert wird und wer den Angriff trotz vorhersehbarer ziviler Opfer genehmigt.

Von No Other Land zu NAZA

Die Verbindung zu No Other Land ist zentral für das Verständnis der Arbeit von Yuval Abraham und Rachel Szor. Der frühere Film dokumentierte die Zerstörung palästinensischer Gemeinden im Westjordanland. NAZA verlagert den Blick von den sichtbaren Folgen auf die unsichtbaren Entscheidungsprozesse hinter militärischen Angriffen.

Beide Filme verfolgen eine ähnliche Methode: Sie sammeln Einzelberichte und verbinden sie zu einem größeren Bild. Es geht nicht nur um den einen Soldaten, den einen Befehl oder den einen Angriff. Es geht um Strukturen, Routinen und eine politische Umgebung, in der außergewöhnliche Gewalt normal erscheinen kann.

Yuval Abraham beschreibt diesen Ansatz als den Versuch, Systeme sichtbar zu machen. Das ist auch der Grund, warum NAZA stärker wirkt als eine reine Zusammenstellung von Bildern aus Gaza. Die Zuschauer sollen nachvollziehen, wie eine Entscheidungskette funktioniert und wie Verantwortung auf viele Beteiligte verteilt werden kann.

Wenn jeder nur ein kleines Teilstück erledigt, kann sich jeder Einzelne als nicht verantwortlich betrachten. Der Analyst liefert Daten, der Kommandeur genehmigt den Angriff, der Techniker überwacht das System und die politische Führung bestimmt den Rahmen. Das Ergebnis ist jedoch eine reale Zerstörung, die nicht dadurch verschwindet, dass die Verantwortung auf mehrere Ebenen verteilt wird.

Was der Film künftig verändern könnte

Die unmittelbare Wirkung von NAZA zeigt sich bereits in der internationalen Aufmerksamkeit. Der Film erhielt in Venedig eine fast 25-minütige Standing Ovation und wurde anschließend für weitere Festivals angekündigt, darunter San Sebastián und das New York Film Festival.

Seine langfristige Bedeutung hängt jedoch davon ab, ob der Film Zugang zu einem breiten Publikum erhält. Die Produzenten müssen mit politischem Druck, möglichen Boykottaufrufen und Sicherheitsrisiken rechnen. Zugleich könnte der Streit um die Staatsbürgerschaft die internationale Nachfrage nach dem Film noch verstärken.

Für die israelische Gesellschaft dürfte die Debatte schwieriger werden. Der Film stellt eine unbequeme Frage: Was bedeutet nationale Loyalität während eines Krieges? Bedeutet sie, die offiziellen Erklärungen zu wiederholen, oder kann gerade die Untersuchung staatlicher Gewalt als patriotische Pflicht verstanden werden?

Für den internationalen Journalismus könnte NAZA ebenfalls Folgen haben. Dokumentarfilmer arbeiten zunehmend mit verschlüsselter Kommunikation, anonymisierten Quellen und digital veränderten Stimmen. Diese Methoden schützen Informanten, erschweren aber zugleich die unabhängige Überprüfung. Künftige Produktionen werden deshalb noch stärker erklären müssen, wie Aussagen gesammelt, verglichen und verifiziert wurden.

Die Debatte über Yuval Abraham wird vermutlich nicht bei diesem Film enden. Sie wird sich auf Pressefreiheit, den Umgang mit Dissens und die politische Verantwortung von Künstlern ausweiten. Die Begriffe Yuval Levy, Yuval Raphael nude und Yuval Scharf tauchen zwar in Suchanfragen und Online-Diskussionen auf, stehen aber in keinem sachlichen Zusammenhang mit dem Dokumentarfilm oder dem aktuellen Konflikt. Eine seriöse Berichterstattung sollte solche Namensverwechslungen vermeiden und die Aufmerksamkeit auf die tatsächlich beteiligten Personen lenken.

Ein Test für demokratische Grenzen

NAZA zwingt das Publikum nicht nur dazu, über Gaza nachzudenken. Der Film stellt auch die Frage, ob ein Staat bereit ist, seine eigenen Machtstrukturen untersuchen zu lassen.

Die Vorwürfe gegen die israelischen Streitkräfte müssen rechtlich und journalistisch geprüft werden. Doch die Antwort auf schwere Anschuldigungen sollte eine transparente Untersuchung sein – nicht die automatische Gleichsetzung von Kritik mit Verrat. Yuval Abraham und Rachel Szor haben mit NAZA eine Debatte ausgelöst, die über ihre persönlichen Schicksale hinausgeht.

Sollte der Staat versuchen, die Filmemacher zu bestrafen, könnte das den Film letztlich noch wirkungsvoller machen. Denn dann würde nicht nur über die dokumentierten Angriffssysteme gesprochen, sondern auch über die Grenzen staatlicher Toleranz gegenüber kritischer Kunst.

In einer Demokratie entscheidet sich die Stärke eines Landes nicht daran, wie laut es seine Gegner zum Schweigen bringt. Sie zeigt sich daran, ob es die eigenen Bürger aushält, wenn sie unbequeme Fragen stellen.

Quellen

Israelischer Minister droht israelischen Filmemachern wegen des Gaza-Dokumentarfilms „NAZA“ mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft
Israelischer Minister droht israelischen Regisseuren mit Entzug der Staatsbürgerschaft wegen des in Venedig ausgezeichneten Gaza-Dokumentarfilms „NAZA“

Matthias Otto

Matthias Otto

Hallo, mein Name ist Matthias Otto und ich arbeite als Autor bei Investorbit.de. Dort schreibe ich regelmäßig über aktuelle Themen aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen und digitale Trends. Mein Ziel ist es, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären und meinen Lesern fundierte Einblicke in die Welt der Investments zu bieten. Wenn ich nicht gerade recherchiere oder Artikel verfasse, beschäftige ich mich gerne mit neuen Entwicklungen im Online-Journalismus und digitalen Marketing.

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