Seit mehr als fünf Jahrzehnten haben Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Beziehungen kontinuierlich ausgebaut – in der Diplomatie ebenso wie im Handel, in der Energiepolitik und in der Wirtschaft. Bemerkenswert ist heute jedoch nicht nur die Dauer dieser Partnerschaft, sondern vor allem, wie stark sich ihr wirtschaftlicher Charakter verändert.
Ein aktueller Überblick der Emirates News Agency zeigt, wie breit die Zusammenarbeit seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen im Jahr 1972 geworden ist. Deutschland und die VAE kooperieren inzwischen in Bereichen wie Energie, Industrie, Logistik, Technologie, Cybersicherheit, berufliche Bildung und Luftverkehr. Rund 2.000 deutsche Unternehmen sind in den Emiraten aktiv, während Unternehmen und Investoren aus den VAE ihre Präsenz in Deutschland zunehmend ausbauen.
Die entscheidende Frage ist nun, wie aus diesem immer dichteren Netz von Beziehungen eine noch engere wirtschaftliche Partnerschaft entstehen kann. Die Ankündigung der VAE, zusätzlich 40 Milliarden Euro in Deutschland investieren zu wollen, wäre ein wichtiger weiterer Schritt in diese Richtung. Die Mittel sollen vor allem in Bereiche fließen, die für die künftige Wettbewerbsfähigkeit beider Volkswirtschaften entscheidend sind – von moderner Industrie und Technologie bis hin zu qualifizierten Arbeitsplätzen und widerstandsfähigeren Lieferketten. Entscheidend ist dabei nicht allein die Höhe des investierten Kapitals, sondern was eine solche Investition über die künftige Struktur der deutsch-emiratischen Beziehungen aussagt.
Vom Handel zu langfristigen Investitionen
Der Handel bleibt ein wichtiges Fundament der Beziehungen. Doch immer stärker geht es um das, was über den reinen Austausch von Waren hinaus entsteht.
Zahlen von Germany Trade & Invest zeigen, dass die deutschen Warenausfuhren in die VAE 2025 um 17,3 Prozent auf rund 11,4 Milliarden Euro gestiegen sind. Noch aufschlussreicher ist die Entwicklung bei den Investitionen: Der Bestand emiratischer Direktinvestitionen in Deutschland erhöhte sich von 1,2 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf etwas mehr als 2 Milliarden Euro im Jahr 2024. Im Vergleich zu Deutschlands größten Investitionspartnern sind diese Summen noch überschaubar. Die Richtung ist jedoch eindeutig: Die wirtschaftlichen Beziehungen werden zunehmend von langfristigen Investitionen geprägt.
Konkrete Beispiele zeigen, was das bedeutet. Emirates Global Aluminium investiert 170 Millionen US-Dollar in den Ausbau seiner Aluminiumrecycling-Kapazitäten bei Hannover. Die strategische Partnerschaft zwischen XRG und Covestro verbindet einen der wichtigsten deutschen Werkstoffkonzerne langfristig mit einem Investor aus Abu Dhabi. Die geplante Übernahme von MBS Logistics durch die AD Ports Group wiederum verknüpft deutsche Logistikkompetenz enger mit internationalen Handels- und Transportnetzen.
So unterschiedlich diese Unternehmen und Projekte sind, eines haben sie gemeinsam: Es handelt sich nicht um rein finanzielle Engagements in etablierten Vermögenswerten. Die Investitionen betreffen Bereiche, die für die industrielle Basis Deutschlands und seine künftige Wettbewerbsfähigkeit von Bedeutung sind.
Energie bleibt wichtig – doch die Partnerschaft reicht längst weiter
Über viele Jahre war Energie der sichtbarste Teil der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den Golfstaaten. Auch heute bleibt sie zentral. Seit 2017 besteht eine formelle Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und den VAE, die später um die Klimazusammenarbeit erweitert wurde. Unternehmen aus beiden Ländern arbeiten inzwischen bei LNG, Wasserstoff, erneuerbaren Energien und Energiespeicherung zusammen.
Wer die Beziehungen jedoch nur durch die Energiebrille betrachtet, greift inzwischen zu kurz. Die Zusammenarbeit verlagert sich zunehmend an die Schnittstelle von Energie, Technologie und Industrie. Batteriespeicher, industrielle Dekarbonisierung oder grüner Wasserstoff sind nicht nur energiepolitische Themen. Sie betreffen ebenso Produktionskapazitäten, technologische Kompetenz und neue industrielle Wertschöpfung.
Für Deutschland ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Das industrielle Geschäftsmodell des Landes beruhte immer darauf, technologische und ingenieurwissenschaftliche Stärke mit verlässlicher Energieversorgung, Zugang zu Exportmärkten und Investitionen zu verbinden. Um diese Position zu erhalten, braucht es neue Partner und neue Formen der Zusammenarbeit – gerade in einer Welt, in der Lieferketten fragmentierter werden und kapitalintensive Technologien für den internationalen Wettbewerb an Bedeutung gewinnen.
Technologie eröffnet eine zweite strategische Achse
Technologie entwickelt sich zunehmend zu einem weiteren Pfeiler der Partnerschaft. Die Zusammenarbeit reicht bereits von Biotechnologie bis Cybersicherheit und industriellen Systemen. Die im Mai unterzeichnete Vereinbarung zwischen dem UAE Cyber Security Council und Siemens, einschließlich der Planung eines gemeinsamen Zentrums für Cybersicherheit in industriellen Umgebungen, zeigt, wie aus politischer Kooperation konkrete Projekte entstehen können.
Das Potenzial geht jedoch weit darüber hinaus. Deutschland verfügt über erhebliche Stärken im Maschinenbau, in der industriellen Fertigung und in der angewandten Forschung. Die VAE wiederum haben in den vergangenen Jahren massiv in digitale Infrastruktur, künstliche Intelligenz und die kommerzielle Nutzung neuer Technologien investiert. Gerade in Feldern wie industrieller KI, Robotik, moderner Fertigung und intelligenter Infrastruktur ergänzen sich diese Fähigkeiten.
Die interessantesten Partnerschaften werden deshalb diejenigen sein, die Kapital und industrielle Kompetenz miteinander verbinden. Investitionen können dabei helfen, neue Technologien schneller auf den Markt zu bringen und zu skalieren. Deutsche Unternehmen wiederum verfügen über die technische Tiefe und die industrielle Erfahrung, um aus technologischen Ansätzen belastbare Anwendungen zu machen.
Eine wirtschaftliche Beziehung mit wachsender strategischer Bedeutung
Dieser Wandel zeigt sich auch auf politischer Ebene. Im Vorfeld des Besuchs von Präsident Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan erklärte die Bundesregierung, dass Bundeskanzler Friedrich Merz mit ihm ausdrücklich über den Ausbau der strategischen Partnerschaft und die Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen sprechen werde. Das ist mehr als diplomatische Routine. Es zeigt, dass Berlin die Beziehungen zu den VAE zunehmend in einem breiteren strategischen Zusammenhang betrachtet.
Wirtschaftliche Resilienz, Energiesicherheit, Investitionszugang und technologische Wettbewerbsfähigkeit lassen sich heute kaum noch sauber voneinander trennen. Für eine exportorientierte Industrienation wie Deutschland gewinnen Partnerschaften an Bedeutung, die Zugang zu Kapital, Energie und schnell wachsenden Märkten ermöglichen. Für die VAE wiederum bietet Deutschland industrielle Tiefe, technologische Kompetenz und Zugang zur größten Volkswirtschaft Europas.
Deshalb greift auch die Vorstellung zu kurz, bei den deutsch-emiratischen Wirtschaftsbeziehungen gehe es vor allem um Kapital aus den VAE, das in deutsche Unternehmen fließt. Interessanter ist die Perspektive gemeinsamer Expansion: deutsche Unternehmen, die die VAE als Plattform für Märkte im Nahen Osten, in Afrika und Asien nutzen, und emiratische Investoren, die gemeinsam mit deutschen Unternehmen industrielle und technologische Kapazitäten in Europa ausbauen.
Jetzt geht es um Größenordnung und Kontinuität
Die institutionellen Grundlagen sind vorhanden. Der Germany-UAE Business Council und der German Emirati Joint Council for Industry and Commerce bieten Unternehmen bereits Plattformen, um Partnerschaften aufzubauen. Nun geht es darum, diesen Beziehungen mehr Größenordnung und Kontinuität zu geben.
Mit der zusätzlichen Investitionszusage von 40 Milliarden Euro und dem neuen UAE–Germany Investment Council bekommt dieser Ansatz nun deutlich mehr Gewicht. Der Rat soll Investoren und Unternehmen enger zusammenbringen, konkrete Geschäftsmöglichkeiten identifizieren und Hindernisse bei der Umsetzung abbauen. Zugleich ist die Partnerschaft ausdrücklich in beide Richtungen gedacht: Die VAE wollen nicht nur stärker in deutsche Industrie und Technologie investieren, sondern deutschen Unternehmen auch neue Möglichkeiten eröffnen, gemeinsam mit emiratischen Partnern im Golfraum, in Asien und Afrika zu wachsen.
Eine Investitionszusage dieser Größenordnung wird eine Wirtschaftsbeziehung nicht allein grundlegend verändern. Sie kann aber zeigen, wohin sich diese Beziehung entwickelt. Nach mehr als 50 Jahren bilateraler Beziehungen sind Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate längst mehr als Handelspartner. Zunehmend werden sie zu Partnern in jenen Industrien, Technologien und Infrastrukturen, die die nächste Phase wirtschaftlichen Wachstums prägen werden.


