Christine Neubauer steht seit Jahrzehnten für eine bestimmte Art von Unterhaltung im deutschen Fernsehen – herzlich, nahbar, menschlich. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein System, das Schauspielerinnen ab 50 systematisch ausblendet. Die 64-Jährige hat jetzt in einem Interview mit der Abendzeitung München Klartext gesprochen: Ihr wurde ein vielversprechendes Filmprojekt mit der Begründung abgeschmettert, Geschichten über Menschen über 60 wolle „niemand sehen”. Diese Absage ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer tieferliegenden Branchenkrankheit, die nicht nur künstlerische Freiheit, sondern auch wirtschaftliches Potenzial verschenkt.
Ein System, das Frauen ab 50 unsichtbar macht
Die Situation, die Christine Neubauer beschreibt, ist in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft leider keine Ausnahme. „Mir wird immer wieder vermittelt, dass Stoffe mit Frauen über 50 schwierig seien, weil das Publikum sie angeblich nicht sehen möchte”, so die Schauspielerin im Gespräch mit der AZ. Das Paradoxe daran: Wenn sie mit dem tatsächlichen Publikum spricht, hört sie genau das Gegenteil. „Vielleicht haben die Menschen, die entscheiden, und die Menschen, die am Ende einschalten oder ins Kino gehen, gelegentlich noch nicht miteinander telefoniert”, sagt sie lachend – doch hinter dieser Pointe steckt bittere Realität.
Was hier sichtbar wird, ist ein strukturelles Problem: Die Entscheidungsträger in Redaktionen und Senderhäusern operieren mit veralteten Zielgruppenmodellen, die längst nicht mehr der demografischen Wirklichkeit entsprechen. Deutschland ist ein alterndes Land, die Gruppe der über 50-Jährigen wächst stetig und verfügt über beträchtliche Kaufkraft. Dennoch werden ihre Lebensrealitäten im fiktionalen Fernsehen kaum abgebildet. Christine Neubauer bringt es auf den Punkt: „Wir verlieben uns offenbar nicht mehr, wir scheitern nicht mehr, wir fangen nicht neu an, wir haben keine Träume, keine Sexualität, keine Konflikte, keine Abenteuer – kurz gesagt: Wir sitzen vermutlich irgendwo am Rand der Gesellschaft und warten darauf, dass der Abspann kommt.”
Die bittere Absage: Ein Bestseller-Stoff, den „niemand sehen will”
Besonders schmerzhaft für Christine Neubauer war eine konkrete Absage, die sie recently erhielt. Sie hatte einen „wunderbaren Stoff nach einem erfolgreichen Literatur-Bestseller” für ein TV-Projekt angeboten. Die Reaktion der Verantwortlichen war vernichtend: Die Protagonisten seien über 60, solche Geschichten wolle niemand sehen. „Das muss man erst einmal sacken lassen”, gesteht die Münchnerin.
Doch Christine Neubauer glaubt nicht an diese These. Für sie geht es um universelle menschliche Erfahrungen: „Menschen interessieren sich für Menschen. Für Liebe, Verlust, Humor, Scheitern, Neuanfänge, Sehnsucht, Mut und große Entscheidungen. Und all das hat glücklicherweise kein Verfallsdatum.” Diese Worte treffen den Kern dessen, was gutes Storytelling ausmacht – und zeigen gleichzeitig, wie sehr sich die deutsche Fernsehwelt von dieser Erkenntnis entfernt hat.
Hundswut und Santiago Film: Der Weg in die Unabhängigkeit
Als Reaktion auf diese strukturellen Hürden hat Christine Neubauer 2024 einen mutigen Schritt gewagt. Mit dem Kinofilm „Hundswut” feierte sie nicht nur als Schauspielerin eine Premiere, sondern übernahm erstmals auch die Rolle der Co-Produzentin. Dafür gründete sie eigens die Produktionsfirma „Santiago Film”, um unabhängiger agieren und eigene Projekte vorantreiben zu können.
„Hundswut”, unter der Regie von Daniel Alvarenga entstanden und mit Christian Tramitz an ihrer Seite, markiert einen Wendepunkt in der Karriere von Christine Neubauer. Der Film beweist, dass Geschichten mit älteren Protagonistinnen sehr wohl funktionieren können – wenn man ihnen die Chance gibt. Doch trotz dieses Erfolgs muss die 64-Jährige weiterhin hart um neue Projekte kämpfen, die sich gezielt an die sogenannte „Best Ager”-Zielgruppe richten.
La Puta Vida: Ein Herzensprojekt in Chile
Aktuell befindet sich Christine Neubauer in Chile, wo sie an einem weiteren ambitionierten Projekt arbeitet. Der Film „La Puta Vida” (übersetzt: „Das verdammte Leben”) ist für sie ein echtes Herzensprojekt, bei dem sie erneut als Schauspielerin und Co-Produzentin fungiert. Das internationale Roadmovie wird unter der Regie des Chilenen Sebastián Araya Serrano gedreht und ist eine Koproduktion von fünf Ländern.
In „La Puta Vida” spielt Christine Neubauer die Rolle der Emma, einer Frau, die als Kind ihrer Familie entrissen wurde und in der berüchtigten Sekte Colonia Dignidad aufwuchs. Gemeinsam mit einer Trickbetrügerin, gespielt von der renommierten chilenischen Schauspielerin Claudia Di Girolamo, begibt sich ihre Figur auf eine gefährliche Reise in die Vergangenheit – verfolgt von einem Auftragskiller.
Besonders bemerkenswert: Die Münchnerin spielt ihre komplette Rolle auf Spanisch. Um sich mit dem biografischen Hintergrund ihrer Figur auseinanderzusetzen, traf Christine Neubauer während der Dreharbeiten sogar reale Opfer der Sekte Colonia Dignidad – eine Begegnung, die sie emotional „komplett aus den Angeln gehoben” hat.
Wiesn-Absage 2026: Die Arbeit geht vor Tradition
Aufgrund dieser Doppelbelastung als Schauspielerin und Produzentin muss Christine Neubauer in diesem Jahr auf einen traditionellen Münchner Höhepunkt verzichten: den Besuch des Oktoberfests. „Die Wiesn läuft mir hoffentlich nicht davon”, sagt sie mit typisch bayerischem Humor. Doch die Entscheidung ist ihr nicht leichtgefallen, schließlich gehört der Wiesn-Besuch für die gebürtige Münchnerin eigentlich zum Pflichtprogramm.
Der Grund für die Absage liegt in der intensiven Arbeit am Film. „Als Co-Produzentin ist meine Arbeit schließlich nicht beendet, wenn die letzte Klappe gefallen ist”, erklärt Christine Neubauer. Während des Oktoberfests wird sie noch in Chile sein, denn: „Die Postproduktion ist ein ganz wesentlicher Teil dieses Films, und daran möchte und muss ich intensiv beteiligt sein.” Bereits 2024 musste sie einen Wiesn-Besuch absagen, damals wegen Sanierungsarbeiten auf Mallorca.
Warum Best-Ager-Stoffe wirtschaftlich sinnvoll sind
Die Haltung der Fernsehsender, Geschichten über ältere Menschen hätten kein Publikum, widerspricht nicht nur der Lebenserfahrung von Christine Neubauer, sondern auch harten Marktdaten. Die Gruppe der über 50-Jährigen in Deutschland umfasst Millionen von Menschen mit überdurchschnittlicher Kaufkraft und hoher Medienaffinität. Sie sind treue Zuschauer, kaufen Kinokarten und abonnieren Streaming-Dienste.
Dennoch bleibt das deutsche Fernsehen bei seiner jugendfixierten Programmstrategie. Die Folge: Eine ganze Generation fühlt sich im fiktionalen Angebot nicht repräsentiert, während internationale Produktionen wie „The Crown” oder „Grace and Frankie” zeigen, dass altersdiverse Geschichten sehr wohl funktionieren. Christine Neubauer bringt es auf den Punkt: „Wir leben. Wir lieben. Wir streiten. Wir lachen. Wir verlieren Menschen. Wir beginnen von vorne. Wir machen Fehler. Wir haben Träume. Wir verändern unser Leben. Eigentlich ziemlich viel Stoff für Filme, finde ich.”
Ein Appell an die Branche: Mut zu echten Geschichten
Was Christine Neubauer mit ihrer Kritik und ihren eigenen Projekten zeigt, ist mehr als nur persönlicher Ärger über eine Absage. Es ist ein Appell an die gesamte deutsche Film- und Fernsehbranche, endlich die Realität anzuerkennen: Menschen über 50 sind keine Randgruppe, sondern ein integraler Teil der Gesellschaft mit reichen, komplexen Lebensgeschichten.
Die Schauspielerin und Produzentin Christine Neubauer hat mit „Hundswut” und „La Puta Vida” bewiesen, dass sie bereit ist, diesen Weg selbst zu gehen – auch wenn es bedeutet, traditionelle Münchner Gewohnheiten wie den Oktoberfest-Besuch zu opfern. Ihre Message an die Entscheider ist klar: „Das entspricht weder meinem Leben noch dem der vielen Frauen und Männer, denen ich begegne.”
Es wird Zeit, dass die deutsche Fernsehlandschaft diese Realität endlich anerkennt – nicht nur aus künstlerischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Denn am Ende interessiert sich das Publikum für gute Geschichten, unabhängig vom Alter der Protagonisten. Und daran hat Christine Neubauer mit ihrer Arbeit keinen Zweifel gelassen.
Quellen
Bittere Absage für Christine Neubauer: “Wolle niemand sehen”
Münchner Schauspielerin dreht Roadmovie in der Atacama-Wüste: „Ich bin begeistert“


