Gloria Steinem ist tot. Die Nachricht klingt zunächst nach einem klassischen Nachruf: Eine Ikone geht, die Welt trauert, Zitate von Wegbegleitern folgen. Doch der Tod von Gloria Steinem mit 92 Jahren ist mehr als nur das Ende eines langen Lebens. Es ist ein historischer Einschnitt, der uns zwingt, innezuhalten und zu fragen: Was bleibt? Und vor allem: Was muss jetzt getan werden?
Eine Stimme, die nicht verstummt
Gloria Steinem war keine gewöhnliche Aktivistin. Sie war eine Journalistin, die den Feminismus nicht nur theoretisch durchdachte, sondern ihn in die Wohnzimmer, die Redaktionen und die politischen Debatten der USA brachte. Ihre größte Leistung war es, Themen, die als „privat” galten – von der Haushaltsarbeit bis zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper – in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion zu rücken.
Ihr Tod kommt zu einem Zeitpunkt, an dem viele der Kämpfe, für die Gloria Steinem ein Leben lang stritt, wieder hochaktuell sind. Das Recht auf Abtreibung ist in den USA nach der Aufhebung von „Roe v. Wade” erneut zu einem zentralen politischen Schlachtfeld geworden. Die Löhne von Frauen liegen im Durchschnitt noch immer deutlich unter denen von Männern. Und die Frage, wer die Care-Arbeit in Familien und Gesellschaft trägt, ist so ungelöst wie in den 1970er-Jahren.
„Sie inspirierte mich”: Was Allreds Worte wirklich bedeuten
Die Rechtsanwältin Gloria Allred, eine enge Freundin von Gloria Steinem, sagte in einem Interview: „She inspired me” – sie inspirierte mich. Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Erinnerung. Er beschreibt das Kernprinzip von Steinems Wirkung: Sie war keine Führerin, die andere anleitete, sondern eine Ermöglicherin, die Frauen das Gefühl gab, selbst handlungsfähig zu sein.
Allred erinnerte sich daran, wie sie mit Gloria Steinem über die politischen Herausforderungen sprach – auch während der ersten Amtszeit von Donald Trump. Steinem habe einen wunderbaren Sinn für Humor gehabt und gewusst, was zu tun sei. Diese Haltung – Humor als Waffe, Klarheit als Kompass – ist das, was viele heute vermissen. In einer Zeit, in der politische Debatten oft von Wut und Polarisierung geprägt sind, wirkt Steinems Fähigkeit, zuzuhören und andere sichtbar zu machen, fast revolutionär.
Der Glamour des Feminismus: Warum Steinem anders war
Ein oft übersehener Aspekt im Vermächtnis von Gloria Steinem ist ihre strategische Nutzung von Glamour. In den 1960er- und 1970er-Jahren war das Bild der Feministin oft das einer verbitterten, männerhassenden Frau. Gloria Steinem durchbrach dieses Klischee. Sie trug Jeans, hatte lange Haare, war fotogen – und zeigte, dass Feminismus nicht nur notwendig, sondern auch attraktiv sein kann.
Das war kein Zufall, sondern Kalkül. Steinem wusste, dass Medien Aufmerksamkeit belohnen. Sie nutzte ihre Präsenz, um Themen wie gleiche Bezahlung, sexuelle Aufklärung und das Recht auf Abtreibung in Magazine und Talkshows zu bringen. Ihr Mitgründung des Magazins „Ms.” war dabei ein Schlüsselmoment: Erstmals gab es eine Publikation, die Frauen nicht als Konsumentinnen von Mode und Kochrezepten behandelte, sondern als politische Subjekte.
Die „Talking Circles”: Ein Modell für heute
Eine der nachhaltigsten Innovationen von Gloria Steinem war die Einführung der sogenannten „Talking Circles” – Gesprächskreise, in denen Frauen sich gegenseitig zuhörten, ohne unterbrochen oder bewertet zu werden. Diese Kreise waren mehr als nur Selbsthilfegruppen. Sie waren ein politisches Instrument, um Frauen eine Stimme zu geben, die in der Öffentlichkeit oft ignoriert wurde.
Heute, in einer Zeit, in der soziale Medien oft zu Orten der Beschämung und des Wettbewerbs geworden sind, könnte dieses Modell von Gloria Steinem wichtiger denn je sein. Die Stiftung von Gloria Steinem hat angekündigt, dass diese Tradition auch nach ihrem Tod fortgesetzt wird. Das ist kein sentimentales Andenken, sondern ein Aufruf: Zuhören ist eine politische Handlung.
Was kommt nach Gloria Steinem?
Der Tod von Gloria Steinem wirft die Frage auf: Wer führt den Kampf weiter? Die Antwort ist komplex. Es gibt keine einzelne Nachfolgerin, die Steinems Rolle einnehmen könnte. Stattdessen gibt es eine Bewegung, die sich in viele Richtungen verzweigt hat – von der #MeToo-Bewegung über reproductive Rechte bis hin zu intersektionalem Feminismus, der Rassismus, Klassismus und andere Formen der Diskriminierung mitdenkt.
Doch genau hier liegt die Herausforderung. Die Kämpfe von Gloria Steinem waren oft klar umrissen: Gleicher Lohn, Zugang zur Pille, Legalisierung von Abtreibungen. Heute sind die Fronten unübersichtlicher. Feminismus muss sich mit Fragen der digitalen Gewalt, der Klimakrise und globalen Ungleichheiten auseinandersetzen. Die Werkzeuge von Gloria Steinem – Journalismus, öffentliche Präsenz, persönliche Gespräche – sind noch immer relevant, aber sie müssen an neue Realitäten angepasst werden.
Ein Vermächtnis, das verpflichtet
Die Trauer um Gloria Steinem ist berechtigt. Aber sie darf nicht in Nostalgie enden. Steinem selbst hätte wahrscheinlich gesagt: „Trauert nicht zu lange. Macht weiter.” Ihr Vermächtnis ist kein Museumsexponat, sondern ein Auftrag. Es geht darum, zuzuhören, sichtbar zu machen und nicht aufzuhören, für Gleichberechtigung zu kämpfen – auch wenn es unbequem wird.
In den kommenden Wochen werden viele Reden gehalten und Artikel geschrieben werden über Gloria Steinem. Doch die wichtigste Frage ist nicht, was wir über sie sagen, sondern was wir nach ihr tun. Die „Talking Circles” werden weitergehen. Die Stiftung von Gloria Steinem arbeitet weiter. Und die Themen, für die sie kämpfte, sind dringender denn je.
Gloria Steinem ist tot. Aber ihre Ideen leben – solange wir sie nutzen.
Quellen
„Sie hat mich inspiriert“: Gloria Allred erinnert sich an Gloria Steinem
«Es gibt noch so viel zu tun»: Feminismus-Ikone Gloria Steinem ist gestorben


