Spitzenkandidat Werner Graf steht für einen ungewöhnlichen Wahlkampf in Berlin: ruhig, sachlich, ohne große Parolen. Drei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wirbt der Grüne mit Funktionalität statt mit Revolution – ein Ansatz, der in einer Stadt, die für ihre politische Lautstärke bekannt ist, sowohl Chancen als auch Risiken birgt.
Ein anderer Ton in einer lauten Stadt
Berlin gilt als politisches Epizentrum linker Bewegungen, als Ort, an dem radikale Forderungen und provokante Positionen zum Alltag gehören. In diesem Umfeld setzt der Spitzenkandidat der Grünen bewusst auf das Gegenteil: Werner Graf will nicht poltern, sondern lösen.
„Ich will morgens noch in den Spiegel schauen und sagen können: Ich habe den Leuten keinen Mist erzählt”, so Graf im Interview mit t-online. Diese Haltung ist mehr als nur eine persönliche Präferenz – sie ist eine strategische Entscheidung. In einer Zeit, in der viele Wählerinnen und Wähler von populistischen Versprechungen müde sind, positioniert sich Graf als Stimme der Vernunft.
Doch diese Strategie hat ihren Preis. Umfragen zeigen, dass die Berliner Grünen aktuell bei etwa 15 bis 18 Prozent liegen – deutlich hinter der Linken (19–22 Prozent) und der CDU (18–21 Prozent). Der Spitzenkandidat selbst ist mit nur vier Prozent in der Direktwahl-Frage der am wenigsten bekannte Kandidat im Rennen.
Warum dieser Wahlkampf trotzdem Sinn macht
Die Frage, die sich viele Beobachter stellen: Ist Graf einfach zu nett für das harte Geschäft der Berliner Politik? Seine Antwort ist klar: „Tatsächlich versuche ich, ein netter Mensch zu sein. Aber wenn es um Berlin geht, kann ich auch sehr hart in der Sache kämpfen.”
Dieser Ansatz ist kein Zufall, sondern eine bewusste Reaktion auf die politische Lage in der Hauptstadt. Nach Jahren von Koalitionsbrüchen, Skandalen und gescheiterten Projekten sehnen sich viele Berliner nach Stabilität. Der Spitzenkandidat setzt genau hier an: mit konkreten, umsetzbaren Lösungen statt mit unerfüllbaren Versprechen.
„Wenn es langweilig ist, dass Berlin wieder funktioniert, es in den Schulen funktionierende Toiletten gibt, Busse und Bahnen pünktlich kommen, Berlin sauberer wird oder leer stehende Büros als Wohnungen genutzt werden, dann soll es mir recht sein”, so Graf. Diese Themen mögen auf den ersten Blick unspektakulär wirken – aber sie sind es, die den Alltag der Menschen tatsächlich bestimmen.
Die Herausforderung: Sichtbarkeit in einem überfüllten Feld
Ein zentrales Problem für den Spitzenkandidat ist seine geringe Bekanntheit. 64 Prozent der Berliner kennen Werner Graf nicht – ein Wert, der in einem so dicht besetzten Wahlkampf mit sieben Parteien und zahlreichen Kandidaten besonders ins Gewicht fällt.
Dabei ist Graf kein politischer Neuling. Seit 2016 bekleidet er führende Positionen bei den Berliner Grünen, war Co-Landesvorsitzender, sitzt seit 2021 im Abgeordnetenhaus und ist seit 2022 Fraktionsvorsitzender. Der 45-jährige Oberpfälzer gehört dem linken Parteiflügel an und stammt aus dem einflussreichen Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg.
Die geringe Sichtbarkeit ist jedoch nicht nur ein persönliches Problem – sie spiegelt eine größere Herausforderung für die Grünen in Berlin wider. Die Partei muss sich zwischen der Linken, die mit radikalen Mieten- und Enteignungsforderungen punktet, und der CDU, die als stärkste Kraft aus den Umfragen hervorgeht, positionieren.
Was Graf von seinen Konkurrenten unterscheidet
Während Elif Eralp von der Linken mit Forderungen nach Enteignungen und radikalen Mietpreisbremsen aufwartet, setzt der Spitzenkandidat der Grünen auf das, was er als „reparieren” bezeichnet. „Berlin muss erst mal repariert werden”, so sein Credo.
Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von der Strategie seiner Konkurrenten. Stefan Evers (CDU) und Elif Eralp (Linke) liegen in der Bürgermeister-Frage jeweils bei 13 Prozent – mehr als das Dreifache von Graf. Doch Graf setzt darauf, dass am Ende nicht derjenige gewinnt, der die lautesten Parolen hat, sondern der, dem die Berliner am meisten zutrauen, ihre Probleme tatsächlich zu lösen.
Ein weiterer wichtiger Unterschied: Graf schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch aus – seine einzige „rote Linie”. Damit positioniert er sich klar im demokratischen Spektrum und grenzt sich von jenen ab, die mit allen Parteien koalieren wollen.
Die Koalitionsfrage: Warum Graf der Moderator sein könnte
Die aktuellen Umfragen zeigen eines deutlich: Keine Zweier-Koalition wird in Berlin eine Mehrheit erreichen. Das bedeutet, dass die nächste Regierung in Berlin voraussichtlich aus drei Parteien bestehen wird – und genau hier könnte die Stärke des Spitzenkandidat liegen.
Graf positioniert sich als „ausgleichender Moderator”, der zerstrittene Parteien zusammenführen kann. In einer Stadt, die von politischen Grabenkämpfen geprägt ist, könnte diese Fähigkeit wertvoller sein als markige Forderungen. Seine Erfahrung als Fraktionsvorsitzender und sein Ruf als pragmatischer Verhandler könnten ihn zum Königsmacher machen – selbst wenn die Grünen nicht die stärkste Kraft werden.
Verkehrswende als Kernthema
Ein Bereich, in dem Graf besonders klare Positionen vertritt, ist die Verkehrspolitik. Er wirft dem aktuellen CDU-SPD-Senat vor, Maßnahmen beim Fahrrad- und Fußverkehr zugunsten des Autos zurückzudrehen. Damit spricht er ein Thema an, das viele Berliner bewegt: die Frage, wie die Stadt mobiler und gleichzeitig lebenswerter werden kann.
„Die Autos müssen etwas von ihrem Platz abgeben” – diese Forderung ist zwar nicht neu, aber Graf verbindet sie mit einem pragmatischen Ansatz. Es geht ihm nicht um ideologische Verbote, sondern um konkrete Verbesserungen: mehr Radwege, bessere Busverbindungen, pünktlichere Bahnen.
Die Rolle der Grünen im linken Spektrum
Interessant ist die Positionierung der Grünen im linken Lager. Während die Linke mit radikalen Forderungen nach Enteignungen punktet, setzen die Grünen unter ihrem Spitzenkandidat auf das, was sie als „progressive Vernunft” bezeichnen.
Diese Strategie ist riskant. Einerseits könnten die Grünen damit Wähler an die Linke verlieren, die mehr Radikalität wollen. Andererseits könnten sie genau jene Wähler gewinnen, die von der Linken abgeschreckt werden, aber dennoch eine progressive Politik wünschen.
Die aktuellen Zahlen zeigen, dass diese Strategie bisher nicht voll aufgeht: Die Grünen liegen in den Umfragen hinter der Linken und teilweise sogar gleichauf mit der AfD. Doch Graf bleibt optimistisch: „Viele Menschen haben sich noch nicht entschieden, das merke ich bei meinen Gesprächen.”
Was dieser Wahlkampf über die Zukunft der Berliner Politik aussagt
Der Wahlkampf von Werner Graf ist mehr als nur eine persönliche Strategie – er ist ein Testfall dafür, ob in einer zunehmend polarisierten politischen Landschaft noch Raum für pragmatische, lösungsorientierte Politik ist.
Wenn Graf erfolgreich ist, könnte das ein Signal für andere Städte und Länder sein: Dass es möglich ist, Wahlen zu gewinnen, ohne zu polarisieren, ohne zu versprechen, was man nicht halten kann. Wenn er scheitert, wäre das ein Indiz dafür, dass in der aktuellen politischen Klima nur noch radikale Positionen Gehör finden.
Die kommenden Wochen entscheiden
Noch ist die Wahl nicht entschieden. Umfragen können sich in den letzten Wochen vor einer Wahl noch deutlich verschieben. Der Spitzenkandidat der Grünen weiß das und setzt weiterhin auf direkte Gespräche mit den Menschen in der Stadt.
„Die Berlinerinnen und Berliner wollen, dass wir konkret ihre Probleme lösen”, so Graf. Ob diese Botschaft in den verbleibenden Tagen bis zum 20. September genug Wähler erreicht, wird sich zeigen. Eines ist jedoch sicher: Werner Graf hat einen Wahlkampf gewählt, der mutig ist – weil er auf das setzt, was in der heutigen Politik oft fehlt: Ehrlichkeit, Pragmatismus und den Willen, Dinge tatsächlich zu verbessern, statt nur darüber zu reden.
Die Berliner Wahl am 20. September 2026 wird nicht nur über die Zusammensetzung des nächsten Abgeordnetenhauses entscheiden – sie wird auch eine Antwort darauf geben, ob in einer lauten, polarisierten Zeit noch Raum ist für leise, vernünftige Stimmen.
Quellen
“Die Autos müssen etwas von ihrem Platz abgeben”
Umfrage vor Berlin-Wahl: vier Parteien eng beieinander


