Biathlet ist in diesem Fall nicht nur ein Beruf, sondern auch eine Lebensentscheidung zwischen Hochleistungssport, Gesundheit und persönlicher Zukunft. Die slowenische Biathletin Anamarija Lampic wird die Weltcup-Saison 2026/27 wegen ihrer Schwangerschaft verpassen. Ihr Ausfall ist für das slowenische Team sportlich relevant – vor allem aber zeigt er, dass eine Karriere im Biathlon nicht zwangsläufig mit dem Ende der Familienplanung verbunden sein muss.
Eine freudige Nachricht mit sportlichen Folgen
Anamarija Lampic teilte ihre Schwangerschaft in den sozialen Medien mit. Auf einem gemeinsamen Foto mit ihrem Partner Boštjan Klavžar ist bereits ein Babybauch zu erkennen. Dazu schrieb die Slowenin sinngemäß, dass die kommende Saison für sie anders verlaufen werde.
Damit ist klar: Die 31-Jährige wird im Winter 2026/27 nicht im internationalen Biathlon antreten. Der Saisonauftakt ist für Ende November vorgesehen; erste Rennen stehen unter anderem im finnischen Kontiolahti auf dem Kalender. Lampic wird dort ebenso fehlen wie bei den weiteren Weltcup-Stationen und den Saisonhöhepunkten.
Der slowenische Verband bestätigte den vorübergehenden Rückzug offiziell. Zugleich wurde betont, dass es keinen Zweifel an ihrer geplanten Rückkehr gebe. Diese Aussage ist mehr als eine Höflichkeitsformel: Sie signalisiert, dass Lampic weiterhin als Teil der sportlichen Zukunft des Teams betrachtet wird.
Warum Lampics Fehlen wichtig ist
Lampic gehört zu den auffälligsten Läuferinnen im slowenischen Biathlon. Vor ihrem Wechsel zum Biathlon war sie als erfolgreiche Skilangläuferin bekannt und brachte deshalb eine außergewöhnliche Laufgeschwindigkeit mit. Diese Stärke machte sie besonders in Sprint- und Verfolgungsrennen zu einer Athletin, die im Feld für Unruhe sorgen konnte.
Im vergangenen Winter beendete sie die Weltcup-Gesamtwertung zwar nur auf Rang 66. Diese Platzierung erzählt jedoch nicht die gesamte Geschichte ihrer sportlichen Bedeutung. Im Biathlon kann eine einzelne Athletin auch dann wertvoll sein, wenn sie nicht regelmäßig um Podestplätze kämpft. Schnelle Laufzeiten, starke Staffelleistungen und die Fähigkeit, sich in einzelnen Rennen deutlich zu verbessern, können für ein kleineres Team entscheidend sein.
Für Slowenien bedeutet ihr Ausfall daher eine Lücke in mehreren Bereichen:
- Im Sprint fehlt eine Läuferin mit hohem Tempo.
- In Staffeln muss das Team die Rollen neu verteilen.
- Nachwuchsathletinnen erhalten wahrscheinlich mehr Weltcup-Chancen.
- Lampics eigene Entwicklung wird für mindestens eine Saison unterbrochen.
Gerade bei Nationen mit einem kleineren Kader können solche Ausfälle stärker ins Gewicht fallen als bei großen Biathlon-Nationen. Während Norwegen, Frankreich oder Schweden mehrere etablierte Ersatzathletinnen einsetzen können, ist die Auswahl in Slowenien begrenzter.
Der Biathlon erlebt einen besonderen Baby-Boom
Lampic ist nicht die einzige prominente Biathletin, die in der Saison 2026/27 pausieren wird. Auch die schwedische Olympiasiegerin Hanna Öberg erwartet ein Kind und hat bereits angekündigt, im kommenden Winter keine internationalen Wettkämpfe zu bestreiten. Die Saison beginnt Ende November in Kontiolahti und führt anschließend unter anderem nach Hochfilzen und Annecy.
Öbergs Pause fällt sportlich besonders stark auf. Die Schwedin zählt seit Jahren zur internationalen Spitze und gewann zweimal olympisches Gold. Gemeinsam mit ihrem Partner Martin Ponsiluoma, ebenfalls ein erfolgreicher Biathlet, erwartet sie das erste Kind. Öberg erklärte, dass sie derzeit vor allem trainiere, um sich wohlzufühlen, und nicht primär, um maximale Wettkampfleistung zu erreichen. Ihr Ziel, nach der Babypause wieder an die Weltspitze zurückzukehren, bleibe jedoch bestehen.
Dass zwei bekannte Athletinnen gleichzeitig schwangerschaftsbedingt fehlen, verändert die Kräfteverhältnisse im Frauen-Biathlon. Für andere Sportlerinnen entstehen dadurch zusätzliche Chancen. Junge Athletinnen können früher in Weltcup-Teams aufrücken, etablierte Konkurrentinnen erhalten mehr Möglichkeiten auf Podestplätze und die Gesamtwertung könnte offener werden.
Gleichzeitig sollte der Ausfall nicht nur als sportliche Gelegenheit für andere betrachtet werden. Eine Schwangerschaft ist kein taktischer Karriere-Schritt, sondern ein persönlicher und körperlicher Prozess. Die Entscheidung, eine Saison auszusetzen, ist daher vor allem eine Frage der Gesundheit und der individuellen Planung.
Rückkehr nach der Schwangerschaft ist anspruchsvoll
Die Rückkehr einer Biathletin nach einer Schwangerschaft lässt sich nicht nach einem festen Zeitplan organisieren. Der Körper benötigt Zeit, um sich zu regenerieren. Hinzu kommen Schlafmangel, veränderte Trainingsbedingungen und die Frage, wie sich Leistungssport und Betreuung des Kindes miteinander verbinden lassen.
Im Biathlon ist die Herausforderung besonders groß. Die Athletinnen müssen nicht nur Ausdauer und Kraft zurückgewinnen, sondern auch ihre Schießleistung stabilisieren. Schon kleine Veränderungen bei Haltung, Atmung, Rumpfstabilität oder Konzentration können sich am Schießstand bemerkbar machen. Gleichzeitig verlangen Sprint- und Verfolgungsrennen ein sehr hohes Lauftempo.
Eine erfolgreiche Rückkehr wird deshalb wahrscheinlich mehrere Bausteine benötigen:
- eine medizinisch abgestimmte Belastungssteigerung;
- ein vorsichtig aufgebautes Lauf- und Krafttraining;
- ausreichend Zeit für die Stabilisierung der Schießtechnik;
- eine verlässliche Betreuung außerhalb des Trainings;
- realistische Zielsetzungen für die ersten Rennen.
Der wichtigste Punkt ist dabei die fehlende Planbarkeit. Nicht jede Athletin kehrt im gleichen Tempo zurück. Manche benötigen eine vollständige Saison, andere können früher wieder trainieren und Wettkämpfe bestreiten. Entscheidend ist nicht, möglichst schnell wieder am Start zu stehen, sondern dauerhaft gesund und leistungsfähig zu bleiben.
Verbände müssen neue Strukturen schaffen
Die Schwangerschaft von Lampic und Öberg wirft auch eine strukturelle Frage auf: Wie familienfreundlich ist der professionelle Wintersport tatsächlich?
In vielen Sportarten haben sich die Bedingungen verbessert. Athletinnen sprechen offener über Schwangerschaft, Mutterschaft und ihre Rückkehr. Trotzdem hängt der Erfolg oft stark vom persönlichen Umfeld ab. Wer Zugang zu medizinischen Fachleuten, Kinderbetreuung, finanzieller Unterstützung und flexiblen Trainingsplänen hat, besitzt gegenüber anderen Sportlerinnen klare Vorteile.
Biathlon-Verbände können die Rückkehr erleichtern, indem sie:
- individuelle Trainings- und Wettkampfpläne anbieten;
- medizinische Betreuung über die Schwangerschaft hinaus absichern;
- Reisen mit Kind und Betreuungsperson organisatorisch ermöglichen;
- die Athletin nicht frühzeitig unter Ergebnisdruck setzen;
- klare Regeln für Kaderstatus und finanzielle Unterstützung schaffen.
Ein Verband, der eine Rückkehr nur öffentlich verspricht, aber keine praktischen Bedingungen dafür schafft, hilft wenig. Die Aussage des slowenischen Verbandes, Lampics Rückkehr stehe außer Zweifel, ist deshalb vor allem dann wertvoll, wenn daraus konkrete Unterstützung entsteht.
Neue Chancen für das slowenische Team
Sportlich wird Slowenien nun gezwungen sein, seine Mannschaft neu zu bewerten. Lampics Abwesenheit könnte jüngeren Athletinnen den Weg in den Weltcup öffnen. Solche Situationen können für ein Team langfristig sogar Vorteile bringen, wenn die Nachrückerinnen ausreichend Zeit und Vertrauen erhalten.
Allerdings lässt sich Erfahrung nicht sofort ersetzen. Lampic kennt die Abläufe im Weltcup, den Druck großer Wettkämpfe und die besonderen Anforderungen wechselnder Strecken. Für junge Teammitglieder bedeutet ihr Ausfall daher nicht nur eine Chance, sondern auch zusätzliche Verantwortung.
Im Staffelformat wird besonders sichtbar werden, wie gut Slowenien diese Lücke schließen kann. Eine schnelle Läuferin kann einer Mannschaft helfen, Zeit gutzumachen, selbst wenn ihre Schießleistung nicht immer konstant ist. Das Trainerteam muss nun entscheiden, ob es stärker auf Sicherheit am Schießstand oder auf maximale Laufgeschwindigkeit setzt.
Ein mögliches Signal für die Zukunft
Lampics Pause könnte am Ende mehr bewirken als nur eine Veränderung in der Startliste. Wenn sie und Öberg nach ihrer Schwangerschaft erfolgreich zurückkehren, wäre das ein wichtiges Signal für kommende Generationen. Junge Biathletinnen könnten erkennen, dass Mutterschaft nicht automatisch das Ende einer internationalen Karriere bedeutet.
Dabei sollte der Sport nicht verlangen, dass Mütter sofort wieder dieselbe Leistung wie vor der Schwangerschaft abrufen. Eine Rückkehr muss nicht als Beweis verstanden werden, dass eine Athletin „wie früher“ funktioniert. Sie kann auch ein neuer Abschnitt sein – mit verändertem Training, anderen Prioritäten und einem realistischeren Wettkampfkalender.
Für die Saison 2026/27 bedeutet Lampics Schwangerschaft zunächst einen klaren sportlichen Verlust. Für ihre persönliche Zukunft muss sie jedoch kein Rückschritt sein. Die slowenische Biathletin nimmt sich Zeit für einen wichtigen Lebensabschnitt und hält sich zugleich die Tür zur Rückkehr offen. Genau diese Kombination könnte im modernen Biathlon künftig immer selbstverständlicher werden.
Quellen
Saison-Aus für Biathletin – aus freudigem Grund
Biathlon: Baby-Boom geht weiter – Nächste Topathletin verkündet Schwangerschaft


