Geistiges Eigentum wird zum wirtschaftlichen Kapital: Was Vietnam von Deutschland lernen kann

07/10/2026
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Eigentum an Ideen, Erfindungen, Marken und digitalen Kreationen entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Faktor wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Eine internationale Konferenz der Juristischen Universität Hanoi und der Friedrich-Ebert-Stiftung hat nun die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie geistiges Eigentum nicht nur rechtlich geschützt, sondern auch erfolgreich vermarktet werden kann. Gerade für Vietnam, dessen Wirtschaft zunehmend auf Technologie, Innovation und internationale Investitionen setzt, ist dies mehr als eine akademische Diskussion: Es geht um die Zukunft von Forschung, Unternehmen und Arbeitsplätzen.

Wenn Wissen zum Vermögen wird

Die Definition Eigentum umfasst klassischerweise das Recht, über eine Sache zu verfügen, sie zu nutzen, zu vermieten, zu verkaufen oder zu vererben. Beim geistigen Eigentum verschiebt sich dieser Gedanke jedoch in eine immaterielle Sphäre: Patente, Urheberrechte, Marken, Designs, Geschäftsgeheimnisse und technisches Know-how werden zu vermögenswerten Ressourcen.

Was ist Eigentum im digitalen Zeitalter daher eigentlich? Es ist nicht mehr ausschließlich ein physischer Besitz, sondern häufig eine Idee, ein Algorithmus, eine Software, ein Markennamen oder ein Verfahren, das einen messbaren wirtschaftlichen Wert erzeugt. Ein Unternehmen kann etwa ein Patent besitzen, ohne selbst Fabriken zu betreiben; eine Universität kann Lizenzen vergeben, ohne selbst Produkte herzustellen; ein Start-up kann seinen Wert vor allem durch geschützte Technologien begründen.

Genau hier liegt die strategische Bedeutung der Konferenz „Kommerzialisierung von geistigem Eigentum – Erfahrungen aus Deutschland und Vietnam“, die am 7. Oktober 2026 in Hanoi stattfand. Sie verband rechtliche, wirtschaftliche und praktische Perspektiven und zeigte, dass der Schutz von Rechten nur der erste Schritt ist. Entscheidend ist, ob aus einer Erfindung ein Produkt, aus einer Marke ein Vertrauensvorschuss und aus einer Forschungsleistung ein tragfähiges Geschäftsmodell wird.

Hanoi als Treffpunkt für Recht und Innovation

Die Juristische Universität Hanoi organisierte die Veranstaltung gemeinsam mit dem Friedrich-Ebert-Stiftung-Institut. Dabei kamen Rechtswissenschaftler, Vertreter staatlicher Institutionen, Unternehmensmanager, Forscher und Studierende zusammen. Die Bandbreite der Teilnehmenden verdeutlichte ein zentrales Anliegen: Die Kommerzialisierung geistigen Eigentums kann nicht allein von Juristen, nicht allein von Universitäten und auch nicht allein von Unternehmen gelöst werden.

Zu den internationalen Gästen zählten Timo Rinke, Leiter der Repräsentanz der Friedrich-Ebert-Stiftung in Vietnam, sowie Dr. Tobias Oelsner, Richter am Landgericht Berlin. Aus Vietnam nahmen unter anderem Prof. Dr. Le Hong Hanh, Präsident des Vietnam International Arbitration Center, sowie Wissenschaftler der Vietnam National University in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt teil. Auch Vertreter von Ministerien, Forschungseinrichtungen und Unternehmen waren vertreten.

Diese Zusammensetzung ist kein Zufall. Die Verwertung geistigen Eigentums berührt mehrere Ebenen zugleich: das Zivilrecht, das Handelsrecht, das Verwaltungsrecht, das Steuerrecht, das Investitionsrecht und zunehmend auch das digitale Recht. Wer eine Erfindung lizenzieren, ein Start-up gründen oder eine Marke international schützen möchte, benötigt verlässliche Regeln, transparente Verfahren und praktikable Verträge.

Die Lücke zwischen Schutz und Nutzung

Der Vizerektor der Juristischen Universität Hanoi, Assoc. Prof. Dr. Nguyen Van Quang, brachte in seiner Eröffnungsrede eine entscheidende Spannung auf den Punkt: Wissen und Technologie werden immer wichtiger für Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig besteht in vielen Ländern weiterhin eine Lücke zwischen der rechtlichen Sicherung geistigen Eigentums und dessen tatsächlicher wirtschaftlicher Nutzung.

Ein Patent allein schafft noch keinen Markterfolg. Eine eingetragene Marke garantiert keine Kunden. Ein urheberrechtlich geschütztes Softwareprogramm wird nicht automatisch verkauft. Erst durch Lizenzverträge, Unternehmensgründungen, Forschungskooperationen, Investitionen und den Zugang zu Märkten entsteht aus einem Recht ein Ertrag.

Diese Lücke ist international bekannt. Universitäten und Forschungseinrichtungen verfügen häufig über vielversprechende Ergebnisse, doch der Weg von der Laborbank zur Marktreife ist lang, teuer und riskant. Technologietransfer bedeutet daher mehr als die Unterzeichnung eines Vertrags: Er umfasst die Bewertung der Verwertbarkeit, den Schutz der Erfindung, Verhandlungen mit Unternehmen, Finanzierung, Produktentwicklung und den Zugang zu Kunden.

Deutschlands Erfahrung: Struktur statt Zufall

Deutschland bietet Vietnam eine besonders interessante Vergleichsperspektive, weil das Land über eine lange Tradition der Verbindung von Wissenschaft, Industrie und Mittelstand verfügt. Forschungseinrichtungen, Universitäten, Fraunhofer-Institute und Unternehmen arbeiten in unterschiedlichen Modellen zusammen. Dazu gehören Auftragsforschung, gemeinsame Entwicklungslabore, Lizenzvereinbarungen, Ausgründungen und Beteiligungen an Spin-offs.

Ein wichtiger deutscher Ansatz besteht darin, Technologietransfer als eigenständige Aufgabe zu begreifen. Universitäten und Forschungsinstitute entwickeln Verfahren, um Erfindungen frühzeitig zu identifizieren, ihren wirtschaftlichen Nutzen zu prüfen und passende Verwertungswege zu finden. Lizenzen ermöglichen dabei, dass Unternehmen ein geschütztes Verfahren nutzen, während die Forschungseinrichtung weiterhin Inhaberin des Rechts bleibt und an späteren Erträgen partizipiert.

Gleichzeitig zeigt die deutsche Erfahrung auch Grenzen. Gerade der Übergang von der Forschung zur skalierbaren Geschäftsidee bleibt schwierig. Lange Verhandlungen über Nutzungsrechte, unklare Zuständigkeiten, begrenzte Risikokapitalquote und komplexe Verträge können junge Unternehmen ausbremsen. Deutschland ist daher selbst gefordert, Transferprozesse schneller, transparenter und gründungsfreundlicher zu gestalten.

Für Vietnam liegt darin eine wichtige Lehre: Ein gutes Gesetz allein reicht nicht. Es braucht auch spezialisierte Transferstellen, geschulte Verhandlungsführer, klare Regeln zur Verteilung von Erlösen und eine Kultur, in der Forschende ermutigt werden, ihre Ergebnisse wirtschaftlich nutzbar zu machen.

Vietnam modernisiert seinen Rechtsrahmen

Vietnam befindet sich in einer Phase bedeutender rechtlicher Modernisierung. Die Änderungen des Gesetzes über geistiges Eigentum und des Gesetzes über Technologietransfer, die 2026 in Kraft getreten sind, stärken ausdrücklich die Rolle geistiger Werte als wirtschaftliche Vermögensgegenstände. Rechte an geistigem Eigentum können künftig klarer für Kapitalbeteiligungen, Finanzierungen, Sicherheiten, Fusionen, Übernahmen und Joint Ventures genutzt werden.

Das ist ein praktisch relevanter Schritt. Bisher wurde geistiges Eigentum häufig vor allem als Schutzinstrument verstanden: Ein Patent verhindert Nachahmung, eine Marke schützt vor Verwechslung, ein Urheberrecht sichert die Kontrolle über ein Werk. Die neue Perspektive ergänzt diesen Schutzgedanken um eine Verwertungslogik. Geistiges Eigentum wird damit zu einem aktivierbaren Wirtschaftsgut.

Besonders bedeutsam ist die Erweiterung dessen, was als übertragbare Technologie gelten kann. Neben Patenten und technischen Verfahren werden nun auch Know-how, Algorithmen, Software, Daten, technische Pläne, Modelle und Innovationslösungen stärker in den Blick genommen. Das entspricht der Realität moderner Geschäftsmodelle, in denen der Wert oft nicht in einer einzelnen Maschine liegt, sondern in der Kombination aus Daten, Software, Prozesswissen und Markenstärke.

Warum digitale Wirtschaft neue Fragen aufwirft

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Verwertung, sondern auch den Begriff des Eigentums selbst. Daten, künstliche Intelligenz, Plattformgeschäftsmodelle und grenzüberschreitende Softwarelizenzen erzeugen Rechtsfragen, die klassische Kategorien teilweise überfordern.

Wer ist beispielsweise Eigentümer einer KI-gestützten Erfindung? Welche Rechte hat ein Unternehmen an Daten, die Kundinnen und Kunden erzeugen? Wie lässt sich Software schützen, die über mehrere Länder hinweg entwickelt und vertrieben wird? Und wie kann verhindert werden, dass Geschäftsgeheimnisse durch Mitarbeitende, Lieferanten oder digitale Angriffe abfließen?

Vietnam hat mit den jüngsten Gesetzesänderungen begonnen, solche Fragen rechtlich zu adressieren. Künftig muss jedoch insbesondere die praktische Umsetzung gelingen. Unternehmen benötigen verständliche Leitlinien, Gerichte brauchen fachliche Kompetenz, und Unternehmen benötigen verlässliche Verträge. Ohne diese Umsetzung bleibt ein modernes Gesetz ein Papierprodukt.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Für vietnamesische Unternehmen ergibt sich aus der Konferenz eine klare Botschaft: Geistiges Eigentum sollte nicht erst dann behandelt werden, wenn ein Konflikt droht. Es sollte von Beginn an Teil der Unternehmensstrategie sein.

  • Erfindungen dokumentieren: Forschungsergebnisse, technische Verbesserungen und interne Entwicklungen sollten frühzeitig erfasst werden.
  • Rechte prüfen: Unternehmen sollten klären, ob ein Patent, eine Marke, ein Design, Urheberrecht oder Geschäftsgeheimnis der passende Schutzweg ist.
  • Verträge sauber gestalten: Lizenzvereinbarungen, Arbeitsverträge, Kooperationen und Investitionsverträge müssen Eigentumsverhältnisse und Nutzungsrechte eindeutig regeln.
  • Wert bewerten: Geistiges Eigentum sollte nicht nur als Kostenfaktor, sondern als möglicher Vermögenswert betrachtet werden.
  • International denken: Wer exportiert, investiert oder mit ausländischen Partnern arbeitet, muss Schutzrechte auch in den relevanten Märkten sichern.

Diese Schritte betreffen nicht nur große Konzerne. Gerade kleine und mittlere Unternehmen können durch Marken, Designs, spezielles Know-how und digitale Lösungen Wettbewerbsvorteile aufbauen. Ein klarer Umgang mit geistigem Eigentum verbessert zudem die Verhandlungsposition gegenüber Investoren und Geschäftspartnern.

Die Rolle der Universitäten

Universitäten sind mehr als Ausbildungsstätten. Sie erzeugen Wissen, qualifizieren Fachkräfte und können Innovationen in die Wirtschaft hineintragen. Damit sie diese Rolle erfüllen, benötigen sie eigene Strategien für geistiges Eigentum.

Eine Universität sollte beispielsweise festlegen, wem eine Erfindung gehört, die im Rahmen eines Forschungsprojekts entsteht. Sie muss entscheiden, ob sie ein Patent anmeldet, eine Lizenz vergibt, ein Start-up unterstützt oder die Erfindung gemeinsam mit einem Unternehmen weiterentwickelt. Ebenso wichtig sind Anreize für Forschende: Wenn Verwertungserlöse fair geteilt werden, steigt die Bereitschaft, Ergebnisse aktiv in die Praxis zu überführen.

Die Konferenz in Hanoi machte deutlich, dass rechtliche Ausbildung hier eine Schlüsselrolle spielt. Studierende und junge Juristen müssen nicht nur wissen, wie ein Patent angemeldet wird. Sie sollten auch verstehen, wie Lizenzverträge funktionieren, wie Technologietransfer organisiert wird und wie geistiges Eigentum in Unternehmensbewertungen und Investitionsentscheidungen eingeht.

Ein Wettbewerb um Wertschöpfung

Die Diskussion in Hanoi passt in einen größeren globalen Wettbewerb. Länder, die Forschung nicht nur fördern, sondern deren Ergebnisse auch wirtschaftlich nutzbar machen, gewinnen an Attraktivität für Investitionen, Talente und industrielle Partnerschaften. Geistiges Eigentum ist dabei kein abstrakter Rechtstatbestand, sondern ein Baustein nationaler Wertschöpfung.

Für Vietnam bedeutet das: Je besser Erfindungen geschützt, lizenziert, finanziert und in Produkte überführt werden, desto stärker kann das Land von seiner wachsenden digitalen Wirtschaft profitieren. Die Zusammenarbeit mit deutschen Experten liefert dafür keine fertige Blaupause, aber wertvolle Erfahrungen. Deutschland zeigt, wie wichtig institutionelle Strukturen, langfristige Partnerschaften und eine klare Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft, Staat und Wirtschaft sind.

Am Ende geht es um eine einfache, aber folgenreiche Erkenntnis: Eigentum an Wissen entfaltet seinen Wert erst, wenn es genutzt werden kann. Rechtlicher Schutz schafft die Grundlage. Wirtschaftliche Kommerzialisierung verwandelt diese Grundlage in Innovation, Einkommen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Quellen

Die juristische Universität Hanoi hat erfolgreich eine internationale wissenschaftliche Konferenz organisiert: „Kommerzialisierung von geistigem Eigentum – Erfahrungen aus Deutschland und Vietnam“.

Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

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