Putin will mit Trump und Xi über die Ukraine verhandeln – ohne Kiew am Tisch

20/10/2026
6 Minuten lesen
putin-trump-xi-ukraine
© 2026 Jae C. Hong / AP

Putin treibt eine neue diplomatische Probe auf den Plan: Der russische Präsident hat offenbar vorgeschlagen, mit US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping am Rande des Asien-Pazifik-Gipfels in Shenzhen über ein Ende des Ukraine-Krieges zu sprechen. Bemerkenswert ist dabei weniger die mögliche Begegnung selbst als ihr Format: Die Ukraine, das Land, dessen Zukunft verhandelt werden soll, wäre nach aktuellen Berichten nicht Teil des Gesprächs. Für Kiew ist das keine technische Frage der Diplomatie, sondern eine Frage darüber, wer über Gebietsverluste, Sicherheitsgarantien und die langfristige Ordnung Europas entscheidet.

Vier Jahre nach dem russischen Angriffskrieg steht die Ukraine vor einer paradoxen Lage. Militärisch ist der Konflikt zu einem zermürbenden Abnutzungskrieg geworden, wirtschaftlich hängt das Land weiter an westlicher Unterstützung, politisch wächst der Druck, irgendeine Form von Verhandlung zu finden. Genau in diesem Moment erscheint Putins Idee eines Dreiergipfels als Versuch, die Verhandlungsmacht neu zu verteilen. Nicht zwischen Russland und der Ukraine, sondern zwischen Moskau, Washington und Peking.

Warum dieses Treffen so brisant ist

Ein mögliches Treffen von Wladimir Putin, Trump und Xi hätte Symbolkraft weit über den Ukraine-Krieg hinaus. Es würde drei Mächte an einen Tisch bringen, deren Interessen zwar nicht identisch sind, die aber gemeinsam über Fragen von Krieg, Energie, Handel, Nuklearwaffen und globaler Stabilität verfügen. Für Moskau wäre ein solches Bild bereits ein Erfolg: Putin würde nicht als international isolierter Aggressor auftreten, sondern als gleichberechtigter Akteur in einer großen machtpolitischen Verhandlung.

Der Kreml hat zwar betont, dass es weder eine feste Vereinbarung noch eine konkrete Tagesordnung gebe. Gleichzeitig bestätigte Kremlsprecher Dmitrij Peskow, dass eine mögliche Zusammenkunft hypothetisch erörtert wird. Diese vorsichtige Formulierung ist typisch für russische Diplomatie: Zunächst wird ein Szenario in den Raum gestellt, dann wird abgewartet, wie die anderen Seiten reagieren. Schon die bloße Diskussion über ein Treffen erzeugt politische Bewegung.

Für Putin liegt der Vorteil auf der Hand. Ein Gipfel in China würde Russland näher an Peking binden und zugleich die USA direkt in ein Format ziehen, in dem die Ukraine keine Stimme hat. Wenn Washington, Moskau und Peking über eine Beilegung sprechen, während Kiew außen vor bleibt, entsteht der Eindruck, die Ukraine sei eher Objekt als Subjekt der internationalen Politik. Das ist genau die Wahrnehmung, die Putin seit Jahren fördern will.

Die Ukraine warnt vor einer „Tragödie“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat vor einer „Tragödie“ gewarnt, falls über das Schicksal seines Landes ohne ukrainische Beteiligung verhandelt wird. Diese Warnung ist keine bloße rhetorische Reaktion. Sie verweist auf eine historische Erfahrung: Vereinbarungen, die Großmächte über die Köpfe kleinerer Staaten hinweg treffen, haben in Europa wiederholt neue Konflikte erzeugt statt alte zu lösen.

Eine Friedensregelung, die nur auf dem Papier stabil wirkt, kann schnell zur Belastungsprobe werden. Wenn territoriale Fragen, Sicherheitszusagen oder wirtschaftliche Bedingungen ohne Kiew festgelegt werden, fehlt der ukrainischen Seite später jeder Anreiz, diese Vereinbarung politisch zu tragen. Ein Abkommen, das von der Bevölkerung als erzwungene Kapitulation empfunden wird, würde die inneren Spannungen in der Ukraine eher vergrößern als verringern.

Zugleich darf man nicht übersehen, dass auch westliche Regierungen unter wachsendem Druck stehen. Die Unterstützung der Ukraine kostet Geld, Waffen, Munition und politische Aufmerksamkeit. In mehreren Ländern ist die Geduld begrenzt, und Regierungen suchen nach einem Ausweg, der sowohl das Kriegsende verspricht als auch weitere Eskalation vermeidet. Genau diese Suche kann von Moskau strategisch genutzt werden.

Putins Kalkül: Zeit, Legitimität und Spaltungen

Putin verfolgt mit einem möglichen Dreiergespräch vermutlich mehrere Ziele gleichzeitig. Erstens möchte er die internationale Isolation Russlands lockern. Ein Treffen mit dem US-Präsidenten und Chinas Staatschef würde Moskau wieder in den Kreis der entscheidenden Weltmächte zurückholen. Zweitens könnte Putin versuchen, die Position der Ukraine zu schwächen, indem er den Eindruck erweckt, über ihr Schicksal werde bereits ohne Kiew verhandelt.

Drittens geht es um Zeit. Jede diplomatische Initiative, jedes Treffen und jede Erklärung schafft Raum für neue militärische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Russland hat in diesem Krieg wiederholt gezeigt, dass Verhandlungsangebote auch dann nützlich sein können, wenn sie nicht zu einem echten Frieden führen. Sie können den Druck der Gegner verringern, Waffenlieferungen verzögern und Zweifel über die Zukunft der Unterstützung säen.

Viertens könnte Putin versuchen, Differenzen zwischen Washington und Europa zu vertiefen. Eine Vereinbarung, die von den USA und Russland ausgehandelt wird, aber europäische Sicherheitsinteressen nur am Rand berücksichtigt, würde die NATO und die Europäische Union vor schwierige Fragen stellen. Europa hätte dann die Wahl: entweder eine Regelung akzeptieren, die es nicht mitgestaltet hat, oder eine eigene Position entwickeln, die politisch und militärisch deutlich kostspieliger wäre.

China als Vermittler – oder als Profiteur

Für Xi Jinping ist ein solches Treffen eine Gelegenheit, Chinas Rolle als globale Ordnungsmacht zu unterstreichen. Peking präsentiert sich seit Beginn des Krieges als Stimme für Verhandlung und Deeskalation, ohne sich klar von Moskau zu distanzieren. Ein Gipfel in Shenzhen würde diese Rolle sichtbar machen: China wäre nicht nur Gastgeber eines Wirtschaftsforums, sondern auch Mittelpunkt einer sicherheitspolitischen Verhandlung.

Gleichzeitig hat China ein eigenes Interesse an Stabilität. Ein langer Krieg in Europa belastet Handelswege, Energiepreise und internationale Märkte. Peking hat wirtschaftliche Verbindungen zu Russland, aber auch erhebliche Interessen an stabilen Beziehungen zu Europa und den USA. Ein Kriegsende wäre daher für China grundsätzlich attraktiv – sofern es nicht als Niederlage Moskaus erscheint.

Die entscheidende Frage ist, ob China tatsächlich als neutraler Vermittler auftreten kann. Peking hat Russland wirtschaftlich und diplomatisch nicht im Stich gelassen und vermeidet eine offene Verurteilung des Angriffskriegs. Das begrenzt die Glaubwürdigkeit als unparteiischer Schlichter. Für Kiew wäre China daher eher ein Machtfaktor mit eigenen Interessen als ein neutraler Friedensstifter.

Was Trump daraus machen könnte

Für Donald Trump wäre ein Dreiergipfel eine Gelegenheit, sich als Mann der großen Lösungen zu inszenieren. Er hat wiederholt betont, den Ukraine-Krieg beenden zu wollen. Zugleich hat er angedeutet, dass ein mögliches Treffen nicht nur die Ukraine betreffen müsse, sondern auch Fragen der Abrüstung und Nuklearpolitik. Das erweitert den Horizont der Gespräche, kann aber auch die Ukraine-Frage weiter verwässern.

Die Gefahr liegt in der Vermischung unterschiedlicher Verhandlungsgegenstände. Nukleare Rüstungskontrolle, Handelsfragen und ein Kriegsende in der Ukraine sind komplexe Themen mit völlig verschiedenen Bedingungen. Wenn sie in einem großen politischen Paket behandelt werden, besteht die Gefahr, dass ukrainische Interessen gegen andere Zugeständnisse eingetauscht werden. Ein solches Paket könnte für Washington kurzfristig attraktiv wirken, für Kiew jedoch schwerwiegende Folgen haben.

Eine echte Friedensregelung braucht mehr als ein Foto dreier Staatschefs. Sie braucht verlässliche Sicherheitsgarantien, klare Regeln für eine Waffenruhe, Kontrollmechanismen, humanitäre Regelungen und eine politische Perspektive für die Ukraine. Ohne diese Elemente würde jede Vereinbarung nur eine Pause im Konflikt bedeuten, nicht dessen Ende.

Warum Europa nicht Zuschauer bleiben darf

Für Europa wäre ein Gipfel ohne ukrainische Beteiligung ein Alarmzeichen. Der Krieg findet auf dem europäischen Kontinent statt, doch die entscheidenden Akteure wären Washington, Moskau und Peking. Das würde die lange befürchtete Entwicklung verschärfen: Europa könnte zum Objekt von Entscheidungen werden, die andere treffen.

Die Europäische Union steht damit vor einer strategischen Prüfung. Sie muss einerseits die Unterstützung für die Ukraine aufrechterhalten, andererseits verhindern, dass eine Friedensregelung ohne europäische Sicherheitsinteressen zustande kommt. Das erfordert nicht nur Geld und Waffen, sondern auch eine klare diplomatische Stimme. Europa muss zeigen, dass es bereit ist, seine eigene Sicherheit aktiv zu gestalten, statt sich auf Entscheidungen anderer zu verlassen.

Langfristig könnte diese Debatte die europäische Sicherheitsarchitektur verändern. Wenn Großmächte Konflikte wieder in exklusiven Formaten verhandeln, wächst der Druck auf europäische Staaten, ihre Verteidigungsfähigkeit auszubauen und ihre außenpolitische Handlungsfähigkeit zu stärken. Die Ukraine wird dabei zum Testfall: Zeigt Europa, dass es die Souveränität eines angegriffenen Landes schützt – oder akzeptiert es stillschweigend eine Ordnung, in der Macht wieder wichtiger ist als Recht?

Kein Frieden ohne die Betroffenen

Ein möglicher Putin-Gipfel mit Trump und Xi ist noch nicht beschlossene Sache. Es gibt bisher keine bestätigte Tagesordnung, keine verbindliche Zusage Washingtons und keinen ausgehandelten Friedensplan. Doch die Diskussion selbst verändert bereits die politische Landschaft. Sie stellt die Frage, ob ein Krieg durch Verhandlungen beendet werden kann, die die angegriffene Seite ausschließen.

Die Antwort der Ukraine ist eindeutig: Kein dauerhafter Frieden kann über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden werden, die ihn unmittelbar erleben. Ein Abkommen, das territoriale Realitäten ohne Zustimmung Kiews zementiert, würde keine Versöhnung schaffen. Es würde vielmehr einen neuen Konfliktkeim legen – in einem Land, das bereits vier Jahre Krieg, Vertreibung, Zerstörung und Verlust ertragen hat.

Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, schnell ein Treffen zu organisieren. Sie besteht darin, einen Frieden zu finden, der nicht nur die Waffen zum Schweigen bringt, sondern auch die Voraussetzungen für Sicherheit, Wiederaufbau und politische Stabilität schafft. Solange Putin versucht, die Ukraine aus dem Verhandlungsraum zu drängen, bleibt sein Friedensangebot ein machtpolitisches Kalkül – kein echter Weg aus dem Krieg.

Quellen

Putin will offenbar mit Trump und Xi über Ukraine verhandeln
Russland schlägt ein Treffen zwischen Trump, Xi und Putin im nächsten Monat in China vor

Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

Nach oben gehen

Nicht verpassen!

Jacinda Barrett

Jacinda Barrett: Triumphe strahlender Star

Trotz des Glamours der Fashion-Welt sehnte sich Barrett nach mehr
europaeische-boerse-initative

Merz fordert europäischen Börsenplatz – Lagarde unterstützt deutsche Initiative

Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich für die Schaffung einer einheitlichen europäischen Börse