Günter Gaus: Der Mann, der Deutschland zuhören lehrte

17/08/2026
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In einer Zeit, in der Interviews oft zu oberflächlichen Werbeplattformen verkommen sind, lohnt es sich, auf einen Journalisten zurückzublicken, der das Genre in Deutschland neu erfunden hat: Günter Gaus. Sein Name ist untrennbar mit einer Ära des Fernsehjournalismus verbunden, in der es noch darum ging, wirklich zu verstehen, statt nur zu unterhalten.

Ein Grenzgänger zwischen Journalismus und Politik

Günter Gaus war nie einfach nur ein Journalist. Geboren 1929 in Braunschweig, durchlief er eine Karriere, die ihn von der Printpresse über das Fernsehen bis in die höchste Diplomatie führte. Nach einem abgebrochenen Studium der Geschichte und Germanistik in München entschied er sich bewusst für den Journalismus – eine Wahl, die sich als Glücksfall für die deutsche Medienlandschaft erweisen sollte.

Seine frühen Jahre verbrachte Gaus bei renommierten Zeitungen wie dem „Spiegel” und der „Süddeutschen Zeitung”, wo er als politischer Redakteur arbeitete. Doch es war das junge ZDF, das sein außergewöhnliches Talent erkannte und ihm 1963 die Möglichkeit gab, eine eigene Interviewreihe zu gestalten.

„Zur Person”: Eine Revolution im Fernsehen

Was Günter Gaus mit seiner Sendung „Zur Person – Porträts in Frage und Antwort” schuf, war mehr als nur eine weitere Talkshow. Es war ein radikaler Bruch mit dem damals üblichen Fernsehstil. Statt lauter Debatten und inszenierter Konflikte setzte Gaus auf etwas, das heute fast revolutionär wirkt: echtes Zuhören.

Über 40 Jahre lang, von 1963 bis 2003, führte Gaus mehr als 250 Gespräche mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft. Die Liste seiner Gäste liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Nachkriegsgeschichte: von Ludwig Erhard über Franz Josef Strauß bis hin zu Rudi Dutschke.

Doch es war nicht die Prominenz seiner Gäste, die die Sendung legendär machte. Es war die Art, wie Gaus interviewte. Er stellte keine Fangfragen, unterbrach nicht ständig und versuchte auch nicht, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken. Stattdessen schuf er einen Raum, in dem seine Gesprächspartner wirklich nachdenken konnten.

Das Gespräch mit Hannah Arendt: Ein historischer Moment

Wenn man über Günter Gaus spricht, kommt man an einem Interview nicht vorbei: dem Gespräch mit Hannah Arendt vom 28. Oktober 1964. Gaus selbst bezeichnete es später als „das beste Gespräch, das ich je geführt habe”.

Hannah Arendt war zu diesem Zeitpunkt bereits eine der bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke über Totalitarismus und ihre umstrittene Analyse des Eichmann-Prozesses hatten sie international bekannt gemacht. Doch im Deutschland der Nachkriegszeit war ihre Arbeit noch nicht vollständig angekommen.

In diesem 72-minütigen Gespräch, das in der ZDF-Mediathek bis heute einsehbar ist, sprechen Günter Gaus und Hannah Arendt über fundamentale Fragen des politischen Denkens und Handelns. Arendt erzählt von ihrer Jugend in Deutschland, von der Emigration 1933 nach dem Reichstagsbrand und von ihrer Enttäuschung über die Gleichschaltung der deutschen Intellektuellen im Nationalsozialismus.

Besonders bemerkenswert ist, wie Gaus es schafft, Arendt zum Nachdenken über ihre eigenen Konzepte zu bringen. Sie spricht über die „Banalität des Bösen”, über Geschlechterrollen und darüber, warum sie trotz allem an der deutschen Muttersprache festgehalten hat. Es ist kein Verhör, keine Abrechnung, sondern ein echter intellektueller Austausch zwischen zwei Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen.

Warum dieses Interview heute noch relevant ist

Das Interview von Günter Gaus mit Hannah Arendt ist nicht nur ein historisches Dokument. Es zeigt uns, wie Journalismus aussehen kann, wenn er seinem eigentlichen Anspruch gerecht wird: der Aufklärung durch Verständnis.

In einer Zeit, in der politische Debatten oft zu lautstarken Schlagabtauschen verkommen, erinnert uns dieses Gespräch daran, dass echte Auseinandersetzung mit Ideen Zeit braucht. Arendt durfte ausführen, durfte nachdenken, durfte auch einmal schweigen. Und genau in diesen Momenten entstand etwas, das weit über das übliche Fernsehinterview hinausgeht.

Gaus stellte Fragen, die zeigten, dass er sich mit Arendts Werk wirklich auseinandergesetzt hatte. Er war kein neutraler Moderator, sondern ein informierter Gesprächspartner, der verstand, worum es ging. Diese Vorbereitung und dieses echte Interesse machten den Unterschied.

Vom Journalisten zum Diplomaten

Günter Gaus beschränkte sich nicht auf den Journalismus. 1969 wurde er Chefredakteur des „Spiegel”, eine Position, die er bis 1973 innehatte. Doch dann wechselte er endgültig auf die andere Seite: 1974 wurde er zum ersten „Ständigen Vertreter” der Bundesrepublik Deutschland in der DDR ernannt.

Diese Position war mehr als nur ein diplomatischer Posten. In einer Zeit, in der es noch keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten gab, war Gaus der Mann, der die schwierige Balance zwischen beiden Systemen meistern musste. Ihm gelangen zahlreiche Abkommen, die das Leben der Menschen in der DDR zum Teil deutlich erleichterten.

Diese Entscheidung, vom Journalisten zum Diplomaten zu werden, war nicht unumstritten. Doch sie zeigt etwas Wichtiges über Gaus: Er war kein Ideologe. Trotz seiner SPD-Mitgliedschaft bewahrte er sich eine kritische Distanz zu allen politischen Lagern.

Ein konservativer Linker mit Prinzipien

Günter Gaus bezeichnete sich selbst als „linken Konservativen” – eine scheinbare Widersprüchlichkeit, die seine Haltung jedoch treffend beschreibt. Er war geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und begegnete deshalb jeglichen Ideologien mit Skepsis.

Diese Haltung zeigte sich besonders deutlich nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder den USA die „uneingeschränkte Solidarität” Deutschlands zusicherte, trat Gaus aus der SPD aus. Für ihn war das ein Beispiel für genau die Art von unkritischem Denken, die er zeitlebens abgelehnt hatte.

Das Vermächtnis eines Ausnahmejournalisten

Günter Gaus starb am 14. Mai 2004 in Hamburg nach langer Krankheit. Doch sein Vermächtnis lebt weiter – nicht nur in den über 250 Interviews, die er geführt hat, sondern auch in der Art, wie er das journalistische Handwerk verstanden hat.

Für sein journalistisches Schaffen erhielt Gaus zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Adolf-Grimme-Preis (1988) und den Deutschen Kritikerpreis (1991). Doch die wahre Anerkennung kommt von den Zuschauern, die seine Interviews auch heute noch ansehen – mehr als 20 Jahre nach seinem Tod.

Was wir von Günter Gaus lernen können

In einer Medienlandschaft, die zunehmend auf Geschwindigkeit und Oberflächlichkeit setzt, ist das Beispiel von Günter Gaus wichtiger denn je. Er zeigt uns, dass gutes Journalismus-Handwerk Zeit braucht. Dass echte Gespräche nicht durch laute Unterbrechungen und provokante Fragen entstehen, sondern durch Vorbereitung, Respekt und echtes Interesse.

Das Interview mit Hannah Arendt ist dafür das perfekte Beispiel. Es ist kein schnelles, oberflächliches Gespräch, sondern eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den großen Fragen der politischen Philosophie. Und genau das macht es zu einem zeitlosen Dokument, das auch für zukünftige Generationen von Wert sein wird.

Günter Gaus hat uns gelehrt, dass Journalismus mehr sein kann als nur Informationsvermittlung. Er kann ein Raum sein, in dem gedacht wird, in dem Ideen entstehen und in dem wir als Zuschauer teilhaben dürfen an echten intellektuellen Momenten. In dieser Hinsicht war er nicht nur ein Journalist – er war ein Lehrer.

Die Zukunft des Interviews

Die Frage, die sich heute stellt, ist: Können wir uns diese Art von Journalismus in Zukunft noch leisten? Oder werden Interviews zunehmend zu Marketinginstrumenten verkommen, in denen keine echten Fragen mehr gestellt werden dürfen?

Günter Gaus hat gezeigt, dass es anders geht. Sein Vermächtnis ist eine Herausforderung an alle Journalisten, die nach ihm kommen: Habt den Mut, wirklich zuzuhören. Stellt Fragen, die nicht nur darauf abzielen, eine schlagzeilenträchtige Antwort zu bekommen. Schafft Räume, in denen gedacht werden kann.

In diesem Sinne ist Günter Gaus nicht nur eine historische Figur. Er ist ein Vorbild – und eine Erinnerung daran, was Journalismus sein kann, wenn er seinem höchsten Anspruch gerecht wird.

Quellen

Unbequem und unbeirrbar – der Grenzgänger Günter Gaus
Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt 

Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

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