Zuckersteuer soll in Deutschland ab Mitte 2027 nicht nur das Trinkverhalten verändern, sondern auch eine erhebliche Lücke im Bundeshaushalt schließen. Nach dem derzeit bekannten Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums könnten zuckerhaltige Getränke ab Juli 2027 mit 26 bis 38 Cent je Liter belastet werden. Für 2028 rechnet das Ministerium mit Einnahmen von mehr als einer Milliarde Euro.
Der Plan ist damit weit mehr als eine gesundheitspolitische Maßnahme. Er verbindet Verbraucherschutz, Industriepolitik und Haushaltskonsolidierung – und genau darin liegt der politische Konflikt. Die Regierung argumentiert mit weniger Zucker in Getränken und einer Entlastung der gesetzlichen Krankenversicherung. Kritiker befürchten dagegen eine zusätzliche Belastung für Familien, umfangreiche Bürokratie und eine Steuer, deren Einnahmen am Ende vor allem im allgemeinen Haushalt landen.
So funktioniert das neue Modell
Der Entwurf sieht ein gestaffeltes System vor. Entscheidend ist der Gesamtzuckergehalt eines Getränks pro 100 Milliliter:
| Zuckergehalt | Geplante Steuer |
|---|---|
| 5 bis unter 7 Gramm | 26 Cent je Liter |
| 7 bis unter 10 Gramm | 32 Cent je Liter |
| Ab 10 Gramm | 38 Cent je Liter |
Betroffen wären vor allem klassische Limonaden, gesüßte Eistees, Energydrinks, aromatisierte Wässer, Sirupe und bestimmte Frucht- oder Milchmischgetränke. Getränke mit weniger als fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter sollen steuerfrei bleiben. Auch reine Frucht- und Gemüsesäfte ohne Zuckerzusatz sowie verschiedene alkoholfreie Getränke sollen nach dem aktuellen Stand ausgenommen werden.
Eine wichtige Änderung gegenüber früheren Überlegungen: Zero- und Light-Getränke, die ausschließlich mit Süßungsmitteln gesüßt sind, sollen voraussichtlich nicht unter die Abgabe fallen. Damit würde der Staat nicht jedes süße Getränk gleich behandeln, sondern gezielt Produkte mit relevantem Zuckergehalt erfassen.
Die endgültige Regelung steht allerdings noch nicht fest. Der Entwurf befindet sich in der Ressortabstimmung. Danach folgen Kabinett, Bundestag und Bundesrat. Steuersätze, Ausnahmen und Starttermin können sich deshalb noch verändern.
Wie hoch wird die Belastung?
Die entscheidende Frage für Verbraucher lautet: Zuckersteuer wie hoch wird der tatsächliche Aufschlag im Supermarkt?
Die geplanten 26 bis 38 Cent je Liter sind zunächst die Steuer selbst. Wenn Hersteller und Händler die Kosten vollständig weitergeben, kommt zusätzlich Mehrwertsteuer hinzu. Bei einem Getränk der höchsten Stufe würde der Preis dadurch rechnerisch um rund 45 Cent je Liter steigen. Eine 1,5-Liter-Flasche klassischer Cola könnte somit ungefähr 68 Cent teurer werden.
Das ist jedoch keine automatisch festgelegte Preiserhöhung. Hersteller können einen Teil der Kosten selbst übernehmen, ihre Handelsspannen verändern oder die Preise strategisch neu kalkulieren. Ebenso ist möglich, dass einzelne Anbieter die Steuer vollständig weiterreichen, während andere mit Sonderangeboten oder kleineren Verpackungen reagieren.
Für Verbraucher dürfte die Wirkung daher unterschiedlich ausfallen:
- Eine 1,5-Liter-Flasche eines stark gesüßten Getränks könnte rund 68 Cent mehr kosten.
- Bei einem Liter Getränk der mittleren Steuerstufe wären einschließlich Mehrwertsteuer etwa 38 Cent zusätzlich möglich.
- Ein Getränk mit 6,7 Gramm Zucker je 100 Milliliter würde bei vollständiger Weitergabe ungefähr 31 Cent je Liter teurer.
- Zero-Getränke wären nach dem aktuellen Entwurf nicht betroffen.
Für Haushalte mit regelmäßigem Konsum von Limonaden, Eistee oder Energydrinks kann sich die Belastung im Jahresverlauf deutlich summieren. Besonders problematisch ist das für Verbraucher, die aus Gewohnheit zu günstigen Großpackungen greifen und ihren Konsum nicht kurzfristig umstellen.
Milliardensteuer statt reine Gesundheitsabgabe
Ursprünglich wurde die Maßnahme vor allem mit gesundheitspolitischen Zielen begründet. Weniger Zucker in Getränken soll langfristig Übergewicht, Diabetes und andere ernährungsbedingte Erkrankungen eindämmen. Der aktuelle Entwurf zeigt jedoch, dass die Einnahmeerwartung eine zentrale Rolle spielt.
Für 2028 werden je nach Bericht rund 1,15 bis 1,215 Milliarden Euro genannt. Damit liegt die erwartete Summe deutlich über früheren Planungen von etwa 450 Millionen Euro.
Diese Größenordnung verändert die politische Bewertung. Eine Abgabe, die mehrere Milliarden Euro über wenige Jahre einbringen könnte, ist nicht mehr nur ein Lenkungsinstrument. Sie wird zu einer festen Einnahmequelle des Staates. Genau deshalb stellt sich die Frage, ob sinkende Einnahmen politisch überhaupt erwünscht wären.
Wenn Hersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte reduzieren oder Verbraucher auf steuerfreie Alternativen wechseln, würde die gesundheitspolitische Wirkung steigen. Gleichzeitig würde das Steueraufkommen sinken. Ein Finanzministerium, das fest mit mehr als einer Milliarde Euro kalkuliert, hat deshalb einen offensichtlichen Zielkonflikt: Erfolgreiche Verhaltensänderung würde die Einnahmen schmälern.
Der Vorwurf, die Maßnahme sei stark haushaltsgetrieben, erhält dadurch zusätzliches Gewicht. Die Regierung kann zwar erklären, dass die Einnahmen zur Stabilisierung der Gesundheitsfinanzierung beitragen sollen. Rechtlich handelt es sich jedoch um eine Steuer, deren Mittel grundsätzlich in den Bundeshaushalt fließen.
Die Erfahrungen aus Dänemark
Der Blick auf zuckersteuer dänemark zeigt, dass eine solche Abgabe nicht automatisch alle gesundheitspolitischen Erwartungen erfüllt. Dänemark erhöhte seine Steuer auf zuckerhaltige Getränke 2012 deutlich. Der Konsum ging zwar zurück, doch Menschen mit besonders hohem Softdrink-Konsum reagierten weniger stark auf die höheren Preise als Verbraucher mit ohnehin besser kontrolliertem Konsum.
Nach der Abschaffung der Steuer im Jahr 2014 sanken die Preise deutlich. Anschließend stieg der Kauf von Softdrinks bei verschiedenen Verbrauchergruppen wieder an. Die Erfahrungen sind deshalb gemischt: Eine Preissteigerung kann Nachfrage dämpfen, erreicht aber nicht zwangsläufig jene Menschen am stärksten, die gesundheitlich besonders gefährdet sind.
Für Deutschland bedeutet das: Die Zuckersteuer kann einen Anreiz für Rezeptänderungen schaffen, ist aber kein Ersatz für Prävention, Ernährungsbildung und einen besseren Zugang zu gesunden Produkten. Wer täglich stark gesüßte Getränke konsumiert, wird nicht unbedingt vollständig auf Wasser oder ungesüßten Tee umsteigen. Manche Haushalte könnten stattdessen auf billigere Marken, Pulvergetränke oder andere kalorienreiche Produkte ausweichen.
Wer trägt die Kosten?
Die Steuer wird zwar zunächst bei Herstellern oder bestimmten Händlern erhoben. Wirtschaftlich dürfte sie aber zu einem erheblichen Teil in den Preisen landen. Das Finanzministerium geht selbst davon aus, dass Unternehmen die Belastung auf die Endkunden überwälzen werden.
Das betrifft nicht nur die großen internationalen Getränkekonzerne. Auch mittelständische Abfüller, Getränkefachhändler, Gastronomiebetriebe und kleinere Hersteller müssen ihre Warenströme neu organisieren. Besonders aufwendig wird die genaue Erfassung des Zuckergehalts, wenn Produkte in unterschiedlichen Rezepturen, Verpackungsgrößen oder Produktionsstätten angeboten werden.
Geplant ist unter anderem ein neues Steuerlager-System mit Genehmigungs-, Dokumentations- und Meldepflichten. Während das Ministerium die laufenden Bürokratiekosten für die Wirtschaft auf wenige Millionen Euro pro Jahr schätzt, rechnen Branchenvertreter mit deutlich höheren Belastungen. Diese Differenz ist politisch relevant, weil zusätzliche Verwaltungskosten ebenfalls über Produktpreise weitergegeben werden können.
Der Staat braucht zusätzliches Personal
Nicht nur Unternehmen müssen ihre Abläufe verändern. Auch Zoll und Bundesverwaltung sollen für die Umsetzung ausgebaut werden. Vorgesehen sind rund 200 zusätzliche Stellen beim Zoll sowie 23 Stellen beim IT-Dienstleister ITZBund. Die Kosten für Zoll und IT werden bis 2029 auf etwa 89 Millionen Euro geschätzt.
Die praktische Umsetzung könnte dennoch schwierig werden. Nach Einschätzung der Zollgewerkschaft müssen zunächst IT-Systeme entwickelt, Datenbanken aufgebaut und Kontrollverfahren festgelegt werden. Sollte die digitale Infrastruktur zum Start noch nicht bereitstehen, könnte die Abwicklung vorübergehend über Papierverfahren erfolgen.
Das wäre ein bemerkenswerter Widerspruch: Eine Steuer, die den Verwaltungsaufwand für Unternehmen reduzieren oder zumindest effizient organisieren soll, könnte zunächst zusätzliche manuelle Prozesse erzeugen. Zugleich wurde das für Bürokratieabbau zuständige Ministerium nach eigenen Angaben nicht in die Erarbeitung des Entwurfs einbezogen.
Die möglichen Folgen für den Markt
Die Zuckersteuer Nachteile liegen nicht allein im höheren Preis. Sie kann auch Marktveränderungen auslösen, die heute nur schwer vorherzusagen sind.
Hersteller dürften versuchen, ihre Produkte unter die jeweiligen Schwellenwerte zu bringen. Schon eine geringfügige Rezepturänderung könnte den Unterschied zwischen 26 und 32 Cent je Liter ausmachen. Für Produkte nahe der Grenze von zehn Gramm Zucker könnten sich besonders starke Anreize ergeben, den Zuckergehalt knapp darunter zu senken.
Das könnte die Zusammensetzung vieler Getränke verbessern. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass Zucker durch Süßstoffe oder andere Zutaten ersetzt wird. Der aktuelle Entwurf behandelt Zero-Produkte steuerlich günstiger, sagt aber wenig darüber aus, ob diese Ersatzstoffe langfristig die gewünschte gesundheitliche Wirkung haben.
Zudem könnten Unternehmen Verpackungsgrößen verändern. Eine kleinere Flasche wirkt an der Kasse günstiger, obwohl der Literpreis steigt. Andere Anbieter könnten Konzentrate, Pulver oder Mischprodukte stärker vermarkten, sofern diese rechtlich nicht in gleicher Weise erfasst werden.
Was Verbraucher jetzt wissen sollten
Die Zuckersteuer ist noch nicht beschlossen. Der bekannte Referentenentwurf markiert den Beginn des Gesetzgebungsverfahrens, nicht dessen Ende. Verbraucher müssen daher zunächst mit Planungen rechnen, nicht mit verbindlichen Preisen.
Sollte das Modell unverändert kommen, werden vor allem stark gesüßte Getränke teurer. Wer Kosten vermeiden möchte, kann auf Wasser, ungesüßten Tee oder Produkte mit geringerem Zuckergehalt ausweichen. Ein Blick auf die Nährwerttabelle wird dann wichtiger als der Markenname: Schon wenige Gramm Zucker pro 100 Milliliter können die Einstufung verändern.
Politisch wird entscheidend sein, ob die Einnahmen transparent für Gesundheitsmaßnahmen eingesetzt werden. Werden sie ausschließlich zur allgemeinen Haushaltsfinanzierung verwendet, dürfte der Vorwurf einer reinen Einnahmesteuer bestehen bleiben. Fließen sie dagegen nachvollziehbar in Prävention, Schulverpflegung und Gesundheitsangebote für Kinder, könnte die Akzeptanz steigen.
Die Zuckersteuer steht damit vor einem schwierigen Test. Sie muss gleichzeitig wirksam, sozial ausgewogen und administrativ beherrschbar sein. Gelingt das nicht, bleibt am Ende möglicherweise vor allem eine neue Milliardenquelle mit höheren Preisen und mehr Bürokratie.
Quellen
Klingbeils Zuckersteuer wird zur Milliardensteuer
Bis zu 68 Cent mehr pro Flasche Cola? Was die Zuckersteuer an der Kasse bedeutet


