Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt deutlich vorn. Doch nicht allein ihre Stärke entscheidet über die politische Zukunft des Landes, sondern auch die Frage, welche kleineren Parteien die Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Besonders für SPD und Grüne kann jede Stimme darüber entscheiden, ob der neue Landtag ein breites Parteienspektrum erhält – oder ob sich die Mehrheitsverhältnisse zugunsten der AfD verschieben.
Eine Wahl mit ungewöhnlicher Ausgangslage
Am 6. September 2026 wählen die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die aktuellen Erhebungen zeichnen ein klares Bild: Die AfD erreicht je nach Institut etwa 41 bis 43 Prozent und liegt damit weit vor der CDU. Die Union kommt in den jüngsten Umfragen auf ungefähr 22 bis 24 Prozent. Dahinter folgen die Linke mit rund 13 Prozent sowie SPD und Grüne, die sich nahe oder nur knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Grenze bewegen. citeturn0search5
Eine solche Konstellation ist politisch brisant, weil die Sitzverteilung nicht ausschließlich von den Stimmenanteilen der großen Parteien abhängt. Entscheidend ist auch, wie viele Stimmen auf Parteien entfallen, die nicht in den Landtag einziehen. Diese Stimmen werden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Je mehr Parteien an der Sperrklausel scheitern, desto größer kann der Anteil der Parteien werden, die den Einzug schaffen.
Das erklärt, warum die Debatte über den Einzug von SPD und Grünen weit über deren eigenes Wahlergebnis hinausgeht. Es geht nicht nur um zusätzliche Abgeordnete aus dem sozialdemokratischen oder grünen Lager. Es geht um die Frage, wie viele Sitze die AfD tatsächlich benötigt, um eine eigene Mehrheit zu erreichen.
Was die Fünf-Prozent-Hürde verändert
Die Fünf-Prozent-Hürde soll verhindern, dass Parlamente durch eine Vielzahl kleinster Fraktionen dauerhaft blockiert werden. In normalen Wahljahren wirkt sie vor allem als Instrument zur politischen Stabilisierung. In Sachsen-Anhalt könnte sie diesmal jedoch zum entscheidenden Faktor für die Regierungsbildung werden.
Nach aktuellen Umfragen liegen SPD und Grüne in einem Bereich, in dem wenige Zehntel oder einzelne Prozentpunkte über den Einzug entscheiden können. Die SPD wird derzeit meist mit sechs bis sieben Prozent ausgewiesen, bei den Grünen reichen die Werte von etwa vier bis fünf Prozent. Auch das BSW liegt in mehreren Erhebungen nahe an der Sperrklausel. citeturn0search9
Das bedeutet: Nicht jede Partei muss zwingend stark zulegen, um die Mehrheitsverhältnisse zu verändern. Es kann bereits ausreichen, dass eine Partei knapp unter fünf Prozent bleibt. Scheitern etwa Grüne, SPD oder BSW, werden die Stimmen der erfolgreichen Parteien im Verhältnis stärker gewichtet.
Für die AfD entsteht dadurch ein mathematischer Vorteil. Sie könnte auch ohne eine deutliche Steigerung ihres Stimmenanteils eine größere Zahl der Landtagssitze erhalten, wenn mehrere Konkurrenten aus dem Parlament ausscheiden. Genau deshalb sprechen Vertreter von Grünen und Linken von einer strategischen Bedeutung der kleineren Parteien.
Die Warnung vor einer Alleinregierung
Der Grünen-Bundesvorsitzende Felix Banaszak bezeichnete eine Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt als reale, aber noch verhinderbare Gefahr. Seine Argumentation richtet sich vor allem auf die mögliche absolute Mehrheit. Sollten SPD und Grüne den Sprung in den Landtag schaffen, würde das die Wahrscheinlichkeit einer alleinigen AfD-Regierung deutlich senken. Modellrechnungen auf Grundlage von Umfragen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Wenn beide Parteien vertreten sind, sinkt die Chance einer absoluten Mehrheit erheblich; bei ihrem gleichzeitigen Scheitern kann sie stark steigen. citeturn0search3
Die Warnung vor „irreversiblen Folgen“ ist allerdings keine mathematische Prognose, sondern eine politische Bewertung. Sie zielt auf die Auswirkungen, die eine Landesregierung auf zentrale Institutionen haben könnte. Dazu gehören Schulen, Kindertagesstätten, Polizei, Verwaltung und Justiz. Eine Regierung bestimmt nicht jede Entscheidung dieser Einrichtungen direkt, sie beeinflusst jedoch Haushalte, Personalpolitik, Prioritäten und die Besetzung wichtiger Ämter.
Der Begriff „irreversibel“ verweist dabei auf die Sorge, dass politische Veränderungen nicht einfach mit einem Regierungswechsel verschwinden. Werden Institutionen über Jahre umgebaut, gesellschaftliche Konflikte verschärft oder demokratische Kontrollmechanismen geschwächt, kann eine spätere Korrektur schwierig und langwierig werden. Ob diese Befürchtungen eintreten würden, hängt von konkreten Mehrheiten, rechtlichen Grenzen und der politischen Praxis ab.
Die strategische Rolle der CDU
Die CDU steht in Sachsen-Anhalt vor einem Dilemma. Sie liegt deutlich hinter der AfD, bleibt aber die zentrale Partei für jede Regierungsbildung ohne deren Beteiligung. Gleichzeitig lehnt die CDU eine Koalition oder formelle Zusammenarbeit mit der Linken bislang ab. Fraktionschef Guido Heuer brachte jedoch eine Minderheitsregierung als mögliche Option ins Gespräch. citeturn0search1
Eine Minderheitsregierung wäre politisch anspruchsvoll. Sie hätte keine feste Mehrheit im Parlament und müsste für jedes wichtige Vorhaben Unterstützung bei anderen Fraktionen suchen. Das würde die CDU zwingen, regelmäßig mit SPD, Grünen, Linken oder gegebenenfalls anderen Parteien zu verhandeln. Heuer verbindet dieses Modell mit der Vorstellung, keine dauerhaften Kompromisse im Sinne einer Koalition einzugehen, sondern eine eigenständige CDU-Politik zu verfolgen.
In der Praxis wäre eine solche Regierung dennoch auf Kompromisse angewiesen. Ein Haushalt, neue Gesetze oder wichtige Personalentscheidungen lassen sich ohne ausreichende Stimmen nicht dauerhaft beschließen. Der Unterschied zu einer Koalition bestünde darin, dass die Zusammenarbeit nicht durch einen gemeinsamen Koalitionsvertrag geregelt wäre, sondern von Abstimmung zu Abstimmung erfolgen müsste.
Für die CDU ist das politisch riskant. Eine Minderheitsregierung könnte ihr ermöglichen, die AfD aus der Staatskanzlei herauszuhalten. Zugleich müsste sie erklären, warum sie mit der Linken punktuell zusammenarbeitet, obwohl sie eine formelle Kooperation ausschließt. Ebenso wäre offen, ob die AfD bei einzelnen Abstimmungen eine Rolle spielen würde. Eine „Abgrenzung“ wäre nur glaubwürdig, wenn die CDU auch ungewollte Mehrheiten mit der AfD konsequent vermeiden würde.
Die Linke sucht eine ungewöhnliche Brücke
Die Linke signalisiert seit Längerem Bereitschaft, auch mit der CDU über eine Regierungsbildung ohne die AfD zu sprechen. Für die Partei ist das eine ungewöhnliche Position, weil sie damit eine Zusammenarbeit mit einer politischen Konkurrentin akzeptieren müsste, die in vielen zentralen Fragen gegensätzliche Vorstellungen vertritt.
Die Motivation ist vor allem machtpolitischer Natur: Die Linke möchte verhindern, dass die AfD die Landesregierung führt. Ihre Spitzenkandidatin Eva von Angern erklärte, die Partei sei bereit, dafür alle demokratischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Gleichzeitig dürfte eine solche Offenheit in der eigenen Anhängerschaft nicht unumstritten sein. Eine Unterstützung der CDU könnte als notwendiger Schutz der demokratischen Institutionen verstanden werden – oder als Aufgabe eigener politischer Grundsätze.
Für die CDU wiederum wäre eine Verständigung mit der Linken nur dann denkbar, wenn sie den eigenen Wählerinnen und Wählern überzeugend vermittelt werden kann. Besonders in Ostdeutschland ist die politische Erinnerung an frühere Konflikte zwischen Union und Linkspartei weiterhin stark. Eine formelle Koalition erscheint deshalb derzeit wenig wahrscheinlich. Eine fallweise Zusammenarbeit oder eine tolerierte Minderheitsregierung könnte jedoch realistischer sein.
Was die Umfragen aussagen – und was nicht
Die AfD-Umfrage-Werte sind eindeutig: Die Partei führt das Feld mit großem Abstand an. Der aktuelle Wahltrend vom 25. August sieht die AfD bei rund 42 Prozent, die CDU bei 23 Prozent, die Linke bei gut 13 Prozent, die SPD bei etwa 6,5 Prozent und die Grünen bei rund 4,6 Prozent. citeturn0search9
Trotzdem sind Umfragen keine Wahlergebnisse. Sie bilden die Stimmung zum Zeitpunkt der Befragung ab und können sich bis zum Wahltag verändern. Gerade Parteien nahe der Fünf-Prozent-Hürde müssen mit größeren Schwankungen rechnen, weil einzelne Wählergruppen noch unentschlossen sind oder sich kurzfristig für eine taktische Stimmabgabe entscheiden.
Mehrere aktuelle Erhebungen zeigen zudem, dass ein beachtlicher Teil der Wählerschaft noch keine endgültige Entscheidung getroffen hat. Bei einer Umfrage von pollytix waren rund 13 Prozent der Befragten noch unentschlossen. citeturn0search7 Das macht den Wahlkampf der letzten Tage besonders wichtig.
Die Diskussion um AfD Umfragewerte sollte deshalb zwei Ebenen unterscheiden. Erstens geht es um die tatsächliche Zustimmung zur Partei. Zweitens geht es um die parlamentarischen Folgen dieser Zustimmung. Ein Ergebnis von 42 Prozent führt nicht automatisch zu einer absoluten Mehrheit. Dafür ist maßgeblich, wie viele Parteien in den Landtag einziehen und wie die Direktmandate verteilt werden.
Mögliche Szenarien nach dem Wahltag
Nach dem 6. September sind mehrere Entwicklungen denkbar:
- Die AfD erreicht eine absolute Mehrheit und kann allein eine Regierung bilden.
- Die AfD wird stärkste Kraft, verfehlt aber die Mehrheit und bleibt auf eine Duldung oder Unterstützung anderer Parteien angewiesen.
- Die CDU versucht, mit einer Minderheitsregierung ohne feste Koalition zu regieren.
- Mehrere Parteien bilden ein kompliziertes Bündnis, um die AfD von der Regierung fernzuhalten.
- Ein Scheitern kleiner Parteien führt zu einer Sitzverteilung, in der die AfD trotz unverändertem Stimmenanteil deutlich gestärkt wird.
Das schwierigste Szenario wäre nicht zwangsläufig eine einzelne Partei mit großem Stimmenanteil. Problematischer könnte eine dauerhaft instabile Regierungsbildung sein, bei der jede Abstimmung zur Machtprobe wird. Sachsen-Anhalt müsste dann zeigen, ob politische Abgrenzung auch unter hohem parlamentarischem Druck funktioniert.
Warum diese Wahl über Sachsen-Anhalt hinaus wichtig ist
Die Landtagswahl wird bundesweit aufmerksam verfolgt, weil sie ein Signal für den Umgang der etablierten Parteien mit der AfD geben könnte. Sollte die Partei eine absolute Mehrheit erreichen, würde sich die Frage stellen, wie CDU, SPD, Grüne und Linke auf eine neue politische Realität reagieren. Sollte sie stärkste Kraft ohne eigene Mehrheit werden, stünde die CDU vor der Entscheidung, ob sie eine Minderheitsregierung riskiert oder eine breitere Zusammenarbeit organisiert.
Auch für die AfD News und die politische Berichterstattung wird Sachsen-Anhalt ein wichtiger Prüfstein. Die Partei könnte einen weiteren Beleg für ihre wachsende Verankerung in Ostdeutschland sehen. Ihre Gegner würden dagegen argumentieren, dass eine starke Umfrage nicht automatisch Regierungsfähigkeit bedeutet.
Für die Wählerinnen und Wähler geht es daher nicht nur um Parteiprogramme, sondern auch um Regierungsfähigkeit, demokratische Kontrolle und die Frage, welche politischen Kompromisse nach der Wahl möglich sind. Die AfD hat in den Umfragen einen deutlichen Vorsprung. Ob daraus tatsächlich eine alleinige Regierungsmacht entsteht, entscheidet sich jedoch an den letzten Stimmen für die kleineren Parteien – und an der Bereitschaft der übrigen Fraktionen, nach dem Wahltag tragfähige Lösungen zu finden.
Quellen
Falls sie nicht über 5 Prozent kommen – Grüne und Linke warnen wegen AfD vor „irreversiblen Folgen“
Warum ganz Deutschland auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt schaut


