Meloni hat mit ihrer Regierung einen historischen Meilenstein erreicht: Ihre Koalition ist jetzt die am längsten ununterbrochen amtierende Regierung Italiens seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch hinter diesem Stabilitätsrekord verbirgt sich eine zwiespältige Bilanz – und die Warnungen ehemaliger Ministerpräsidenten des Landes sind unüberhörbar.
Ein Rekord in einem Land der Instabilität
Am Freitag, dem 5. September 2026, feierte die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in der Hafenstadt Bari ihren 1.413. Tag im Amt. Damit überholte sie Silvio Berlusconis zweite Regierung (2001–2005), die bisher mit 1.412 Tagen den Nachkriegsrekord hielt. In einem Land, das für seine politische Volatilität bekannt ist – 68 Regierungen in 80 Jahren republikanischer Geschichte –, ist diese Kontinuität bemerkenswert.
Die Bedeutung dieses Moments geht über reine Symbolik hinaus. Italien galt jahrzehntelang als das „kranke Kind” der Eurozone, geprägt von häufigen Regierungswechseln, Haushaltskrisen und einem Vertrauensdefizit bei internationalen Investoren. Dass Meloni nun eine ganze Legislaturperiode durchsteht, ohne dass ihre Koalition zerbricht, sendet ein starkes Signal an die Märkte.
Was die Regierung erreicht hat: Haushaltsdisziplin als Trumpfkarte
Die Meloni-Regierung kann einige greifbare Erfolge vorweisen, insbesondere in der Fiskalpolitik. Als Meloni im Oktober 2022 ihr Amt antrat, lag das Haushaltsdefizit Italiens bei 7,2% des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 2023 stieg es sogar auf 7,4%, woraufhin die Europäische Union ein Verfahren wegen eines übermäßigen Defizits einleitete.
Seitdem ist das Defizit drastisch gesunken: 2025 lag es bei 3,1%, und die EU-Kommission erwartet für 2026 einen weiteren Rückgang auf 2,9%. Dieser Umschwung ist vor allem auf höhere Steuereinnahmen zurückzuführen, die durch mehr Beschäftigung und steigende Löhne generiert wurden. Die Arbeitslosenquote sank auf unter 6%, und rund 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.
Die Finanzmärkte haben diese Entwicklung honoriert. Die Renditen italienischer Staatsanleihen sind gesunken, und die Spread-Differenz zu deutschen Bundesanleihen hat sich seit Ende 2022 deutlich verringert. Das bedeutet: Investoren verlangen mittlerweile eine geringere Risikoprämie, um italienische Papiere zu halten – ein klares Indiz für gestiegenes Vertrauen.
Paolo Gentiloni, selbst von 2016 bis 2018 Ministerpräsident Italiens, räumt ein, dass die „gewisse Vorsicht in den öffentlichen Finanzen” unter Meloni positiv zu bewerten sei. Doch er warnt: „Langlebigkeit allein reicht für eine Regierung nicht aus.”
Die Kehrseite der Medaille: Stagnation und verpasste Reformen
Trotz der fiskalischen Fortschritte hinkt Italiens Wirtschaft im Vergleich zum Rest der Eurozone hinterher. 2025 wuchs das Land nur um 0,5% – deutlich unter dem Durchschnitt von 1,5% im Euroraum. Für 2026 werden lediglich 0,6% Wachstum prognostiziert.
Die Jugendarbeitslosigkeit liegt mit 18,9% (Stand Juli 2026) weit über dem Euroraum-Durchschnitt von 14,9%. Die Reallöhne sind seit den frühen 1990er-Jahren praktisch stagniert, und die Kaufkraft vieler Familien sinkt. Gentiloni nennt dies ein „Versagen” der aktuellen Politik.
Mario Monti, der Italien als technokratischer Ministerpräsident von 2011 bis 2013 durch die Eurokrise führte, geht noch weiter. Er wirft Meloni vor, notwendige Konfrontationen mit gesellschaftlichen Gruppen vermieden zu haben, die für eine Modernisierung der Wirtschaft nötig gewesen wären. „Sie hat wenig getan”, sagt Monti knapp.
Strukturelle Reformen blieben aus: Eine konsequente Bekämpfung der Steuerhinterziehung, die vollständige Anwendung des Wettbewerbsrechts und mehr „destruktive Schöpfung” – also die Bereitschaft, ineffiziente Strukturen aufzubrechen – fehlen laut Monti bis heute. Stattdessen habe Meloni politische Stabilität über wirtschaftliche Dynamik gestellt.
„Macht mildert extreme Positionen” – und lähmt zugleich
Ein paradoxes Phänomen beschreibt Monti treffend: „Macht mildert extreme Positionen.” Die einst als Populistin und EU-Skeptikerin gescholtene Meloni hat sich als pragmatistische Regierungschefin etabliert. Von einem Austritt Italiens aus der EU oder dem Euro ist keine Rede mehr – im Gegensatz zu ihrer Rhetorik vor dem Amtsantritt.
Doch diese Mäßigung hat ihren Preis. Monti warnt: „Wenn es an Bereitschaft fehlt, politische Auseinandersetzungen anzunehmen, führt das zwar zu mehr Stabilität, aber auch zu fehlendem Wachstum und einer Verschlechterung der Gesellschaft.” Die Folge: Junge, gut ausgebildete Italiener verlassen das Land.
Enrico Letta, Ministerpräsident von 2013 bis 2014 und heute Dekan der IE School of Politics, Economics and Global Affairs, ergänzt diese Kritik um eine europäische Dimension. Er moniert die „nicht so gute” wirtschaftliche Performance Italiens und die angespannten Beziehungen innerhalb der EU. Der Sommer 2026 war geprägt von Konflikten in der Migrationspolitik, beim Schengen-Raum und anderen Kernfragen.
Letta fordert: Europa muss bei Immigration, Handel, Sicherheit und Inflation enger zusammenarbeiten. Zudem müsse die längst überfällige Spar- und Investitionsunion sowie ein einheitlicher Rechtsrahmen finalisiert werden, um internationale Investoren anzuziehen. Ohne diese Schritte bleibe Italiens Stabilität ein isolierter Erfolg – ohne Strahlkraft für den Kontinent.
Die Schuldenfalle: Ein ungelöstes Erbe
Trotz des Defizitabbaus bleibt Italiens Staatsverschuldung ein gewaltiges Problem. Die Schuldenquote, also das Verhältnis von Staatsverschuldung zum BIP, ist 2024 wieder gestiegen – angetrieben vor allem durch die Corona-Ära-Politik der „Superbonus”-Steuercredits für Gebäudesanierungen. 2025 lag die Quote bei 137,1%, für 2026 wird ein Anstieg auf 138,5% prognostiziert.
Das ist einer der höchsten Werte in der gesamten Eurozone und ein strukturelles Risiko für die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen. Lorenzo Codogno, ehemaliger Chefökonom des italienischen Finanzministeriums, bilanziert nüchtern: „In puncto fiskalische Verantwortung hat die Regierung einen ordentlichen Job gemacht. In puncto Wachstumsförderung und Reformen wurde wenig getan.”
Was kommt nach dem Rekord?
Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Reicht Stabilität allein, um Meloni eine zweite Amtszeit zu sichern? Umfragen deuten darauf hin, dass die Wahlen 2027 ein fragmentierteres politisches Landschaftsbild bringen könnten. Die Regierung hat zwar Vertrauen bei den Märkten zurückgewonnen, aber die wirtschaftliche Basisbreite fehlt.
Meloni selbst betont in ihrer Rede zum Rekordtag: „In diesen Jahren haben wir daran gearbeitet, die Beschäftigung zu erhöhen, die Arbeitslosigkeit zu senken, Familien und Unternehmen zu unterstützen, die Sicherheit zu stärken, die öffentlichen Finanzen seriös zu verwalten und Italien wieder Gewicht und Glaubwürdigkeit auf der internationalen Bühne zu verschaffen.”
Doch die Kritik von Gentiloni, Monti und Letta zeigt: Die Italienerinnen und Italiener erwarten mehr als nur konsolidierte Haushalte und diplomatische Präsenz. Sie wollen Wachstum, höhere Löhne, bessere Perspektiven für die Jugend und eine Wirtschaft, die nicht nur verwaltet, sondern transformiert wird.
Fazit: Stabilität als Fundament – aber kein Selbstzweck
Der Rekord von Meloni ist zweifellos eine historische Leistung in einem Land, das für seine politische Unbeständigkeit berüchtigt ist. Doch wie die Stimmen der Vorgänger im Amt deutlich machen, ist Kontinuität kein Selbstzweck. Sie muss mit substanziellen Reformen unterlegt werden, um nachhaltigen Wohlstand zu schaffen.
Italien steht an einem Scheideweg. Die Meloni-Regierung hat gezeigt, dass sie Haushaltsdisziplin durchsetzen und internationale Glaubwürdigkeit zurückgewinnen kann. Ob sie auch den Mut findet, die tief sitzenden strukturellen Probleme des Landes anzupacken – von der Steuerhinterziehung über die Wettbewerbsfähigkeit bis zur öffentlichen Verwaltung –, wird darüber entscheiden, ob dieser Stabilitätsrekord der Beginn einer echten Renaissance oder nur eine Atempause vor neuen Krisen wird.
Quellen
Italiens Meloni hat gerade einen wichtigen politischen Meilenstein erreicht. Ehemalige Regierungschefs sagen, dass nun Wirtschaftsreformen folgen müssen.
Italiens Meloni hat gerade einen wichtigen politischen Meilenstein erreicht. Ehemalige Regierungschefs sagen, dass nun Wirtschaftsreformen folgen müssen

