Die CDU Baden-Württemberg steht nur wenige Monate nach der Landtagswahl vor einer politischen Zäsur. In einer aktuellen Sonntagsfrage rutscht die Partei auf 23 Prozent und liegt damit erstmals gleichauf mit der AfD, während die Grünen unter Ministerpräsident Cem Özdemir mit 30 Prozent klar stärkste Kraft bleiben.
Diese Entwicklung ist mehr als eine vorübergehende Stimmungsschwankung. Sie markiert einen tiefen Einschnitt für eine Partei, die den Südwesten über Jahrzehnte geprägt hat und bis vor Kurzem noch als nahezu unersetzlicher Anker der Landespolitik galt. Der Abstand zu den Grünen ist auf sieben Prozentpunkte gewachsen, obwohl die CDU Baden-Württemberg in der Regierung sitzt und an der Gestaltung des Landes mitwirkt.
Ein alarmierendes Signal für die Christdemokraten
Bei der Landtagswahl im März 2026 hatte die CDU Baden-Württemberg noch 29,7 Prozent erreicht und lag nur hauchdünn hinter den Grünen. Die Union stellte damals gemeinsam mit den Grünen die Regierung und konnte für sich beanspruchen, weiterhin eine der bestimmenden Kräfte im Land zu sein.
Heute zeichnet sich ein anderes Bild ab. Die CDU Baden-Württemberg verliert gegenüber ihrem Wahlergebnis rund 6,7 Prozentpunkte. Das ist kein marginaler Rückgang, sondern ein Verlust, der die parteipolitische Landkarte im Südwesten verändert. Die AfD verbessert sich im gleichen Zeitraum von 18,8 auf 23 Prozent und erreicht damit ihren bislang höchsten Wert im BW-Trend.
Besonders beunruhigend für die Union dürfte nicht allein die Zahl sein, sondern ihre Symbolkraft. Eine Volkspartei, die lange Zeit als natürliche Regierungspartei Baden-Württembergs galt, liegt nun auf dem Niveau einer Partei, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird.
Warum die Grünen stabil bleiben
Die Grünen profitieren offenbar vom Amtsbonus ihres Ministerpräsidenten. Cem Özdemir verleiht der Landesregierung ein erkennbares Gesicht, und seine Partei hält mit 30 Prozent praktisch exakt das Ergebnis der Landtagswahl. Damals kamen die Grünen auf 30,2 Prozent.
Das ist bemerkenswert, weil Regierungsparteien nach Wahlen häufig schnell an Zustimmung verlieren. Bei den Grünen passiert das Gegenteil: Sie verlieren zwar minimal, bleiben aber in einer Position, die politische Stabilität ausstrahlt. Die Wählerschaft scheint Özdemir weniger als Repräsentanten einer Ideologie denn als verlässlichen Landesvater wahrzunehmen.
Für die CDU Baden-Württemberg entsteht daraus ein unangenehmes Machtgefälle. Sie ist Koalitionspartner, kann jedoch nicht jenen persönlichen Rückhalt für sich beanspruchen, den der Ministerpräsident genießt. In einer Koalition zählt aber nicht nur die Beteiligung an Regierungsverantwortung, sondern auch die Fähigkeit, eigene Erfolge sichtbar zu machen.
Die Rolle des Bundes: Ein Schatten auf dem Land
Ein wesentlicher Faktor liegt außerhalb Stuttgarts. Die CDU Baden-Württemberg wird offenbar von der bundespolitischen Stimmung beeinflusst. Beobachter sprechen von einem „Merz-Sog“, also davon, dass Unzufriedenheit mit der Bundes-CDU sich auf die Landespartei überträgt.
Das ist ein klassisches Dilemma föderaler Parteistrukturen. Landespolitiker können sich von Berlin distanzieren, eigene Akzente setzen und regionale Probleme betonen. Doch wenn Wählerinnen und Wähler mit der Bundespolitik unzufrieden sind, straft diese Unzufriedenheit häufig auch die Landesorganisation ab. Die CDU Baden-Württemberg spürt nun, wie stark nationale Wahrnehmung und Landespolitik miteinander verwoben sind.
Für Ministerpräsident Özdemir kehrt sich dieser Effekt zugunsten der Grünen um. Er kann sich als landespolitischer Anker präsentieren, während die Union mit bundespolitischen Konflikten, Personaldebatten und Erwartungsdruck kämpft. Das erklärt zumindest einen Teil des Auseinanderdriftens beider Koalitionspartner.
Vertrauen verliert sich schneller als Stimmen
Ein weiterer Befund wiegt schwer: Nur noch 17 Prozent der Befragten trauen der CDU Baden-Württemberg zu, die wichtigsten Probleme des Landes zu lösen. Das sind 13 Prozentpunkte weniger als zuvor. Bei den Grünen liegt dieser Wert bei 27 Prozent.
Diese Diskrepanz ist politisch folgenreicher als die Sonntagsfrage selbst. Eine Partei kann kurzfristig Stimmen verlieren und sie zurückgewinnen. Schwieriger wird es, wenn der Eindruck entsteht, sie besitze weder Konzept noch Durchsetzungskraft. Genau diesen Eindruck muss die CDU Baden-Württemberg nun ausräumen.
Die Union braucht daher mehr als eine bessere Kommunikation. Sie muss zeigen, welche konkreten Probleme sie in der Koalition gelöst hat: Wohnungsdruck, Infrastruktur, Bildung, Verkehr, Energiepreise, wirtschaftliche Unsicherheit und die Zukunft der Industrie. Baden-Württemberg ist ein Land mit starker Industrie, hoher Exportabhängigkeit und großen Erwartungen an Innovation. Eine Partei, die dort regiert, muss diese Themen mit klaren Antworten besetzen.
Die AfD als politischer Nutznießer
Der Aufstieg der AfD ist kein isoliertes baden-württembergisches Phänomen, sondern passt in ein bundesweites Muster. Die Partei legt in der Umfrage um 4,2 Prozentpunkte zu und erreicht 23 Prozent. Damit profitiert sie offenbar von Proteststimmung, Unzufriedenheit mit etablierten Parteien und dem Eindruck, dass klassische Volksparteien ihre Probleme nicht mehr lösen.
Für die CDU Baden-Württemberg ist das eine doppelte Herausforderung. Einerseits verliert sie Wähler an die AfD, die mit einfacheren Erklärungen und deutlicherer Oppositionsrhetorik arbeitet. Andererseits darf sie diese Wähler nicht durch eine strategische Annäherung zurückgewinnen, ohne ihre demokratische Grundhaltung zu beschädigen.
Die entscheidende Frage lautet daher: Kann die Union ihre ehemalige Anhängerschaft mit sachlicher Kompetenz, wirtschaftlicher Vernunft und glaubwürdiger Landespolitik zurückgewinnen? Oder wird sie weiter zwischen den Erwartungen eines konservativen Milieus, der Koalition mit den Grünen und dem Druck der AfD zerrieben?
Was die Umfrage für die Koalition bedeutet
Formal ändert die Umfrage an der Regierung nichts. Grüne und CDU Baden-Württemberg kämen zusammen weiterhin auf 53 Prozent und könnten rechnerisch weiterregieren. Doch politisch wird die Koalition empfindlicher.
Je schwächer die CDU wird, desto größer wird der innere Druck, sich von den Grünen abzugrenzen. Gleichzeitig muss die Union vermeiden, die Zusammenarbeit zu belasten, denn ein Bruch der Koalition könnte Neuwahlen auslösen – und die aktuellen Zahlen deuten darauf hin, dass ein Wahlkampf derzeit nicht in ihrem Interesse läge.
Die Grünen wiederum haben wenig Anlass, die Koalition infrage zu stellen. Sie sind stärkste Kraft, ihr Ministerpräsident ist populär, und die Union trägt einen erheblichen Teil der Unzufriedenheit. Diese Konstellation kann zwar stabil regieren, verschiebt aber das Kräfteverhältnis innerhalb der Regierung deutlich zugunsten von Özdemir.
Kleine Parteien und die Frage der Mehrheiten
Auch die übrigen Parteien verändern das Bild. Die SPD verbessert sich leicht auf sieben Prozent, die Linke kommt auf sechs Prozent. Die FDP bleibt mit vier Prozent unter der Fünf-Prozent-Hürde und würde wie bei der Landtagswahl den Einzug ins Parlament verpassen.
Für die CDU Baden-Württemberg bedeutet das: Eine künftige schwarz-gelbe Koalition ist unter diesen Bedingungen kaum denkbar, solange die FDP nicht im Landtag vertreten ist. Eine alleinige Regierungsbildung ist ebenfalls unrealistisch. Die Union bleibt daher auf Koalitionen angewiesen, hat aber weniger Verhandlungsmacht als noch im Frühjahr.
Das erhöht den Druck auf die Landes-CDU, ihre politische Position zu schärfen. Eine Partei, die weder klar stärkste Kraft ist noch über viele mögliche Koalitionspartner verfügt, braucht ein überzeugendes Profil. Sonst wird sie zum Juniorpartner in einem System, das sie früher oft selbst dominiert hat.
Was nun entscheidend wird
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die CDU Baden-Württemberg diesen Einbruch als Warnsignal versteht oder ob sich der Trend verfestigt. Entscheidend sind weniger große programmatische Erklärungen als sichtbare Ergebnisse. Die Partei muss beweisen, dass sie in der Regierung nicht nur mitregiert, sondern Verantwortung übernimmt.
Dazu gehören eine klare wirtschaftspolitische Erzählung für ein Industrieland, glaubwürdige Antworten auf Wohnungs- und Verkehrsthemen sowie eine Personalstrategie, die über den Landesvorsitzenden Manuel Hagel hinaus Vertrauen schafft. Zugleich muss die Union verhindern, dass die AfD das Feld der Unzufriedenen weiter besetzt.
Die aktuelle Umfrage ist damit kein endgültiges Urteil über die CDU Baden-Württemberg. Doch sie ist eine deutliche Warnung. Die Partei hat binnen sieben Monaten einen Vorsprung von beinahe Gleichstand mit den Grünen in einen Rückstand von sieben Prozentpunkten verwandelt. Wenn ihr das nicht gelingt, diesen Trend umzukehren, könnte Baden-Württemberg dauerhaft zu einem Land werden, in dem die Union nicht mehr die selbstverständliche politische Mitte bildet, sondern um ihre Rolle kämpfen muss.
Quellen
CDU stürzt in Baden-Württemberg ab, AfD erreicht Höchstwert – Grüne bleiben stärkste Kraft
Erste Umfrage nach BW-Landtagswahl: Grüne mit Özdemir klar stärkste Kraft – CDU im Sinkflug, AfD im Aufwind


