Jacqueline Stuhler ist tot. Die frühere Fernsehjournalistin und langjährige Moderatorin des „ARD-Buffet“ starb am 24. Oktober im Alter von 70 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Friolzheim im Enzkreis. Ihr Ehemann bestätigte den Tod gegenüber dem Südwestrundfunk. Mit Jacqueline Stuhler verliert der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Persönlichkeit, die über Jahrzehnte zeigte, dass seriöser Journalismus nicht distanziert, belehrend oder kompliziert sein muss, sondern zugewandt, präzise und menschlich.
Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer war Jacqueline Stuhler vor allem eines: das vertraute Gesicht am Mittag. Elf Jahre lang führte sie durch das „ARD-Buffet“, die vom SWR produzierte Ratgebersendung im Ersten. Doch ihre Karriere war weit mehr als eine Erfolgsgeschichte im Tagesprogramm. Sie begann im Jugendfunk, arbeitete sich über die Politikredaktion zum Fernsehen vor und prägte Formate, die Menschen dort abholen wollten, wo sie standen. Gerade diese Verbindung aus journalistischer Tiefe und verständlicher Sprache macht ihren Tod für den deutschen Journalismus zu einem spürbaren Verlust.
Eine Karriere, die nicht am Bildschirm begann
Jacqueline Stuhler wurde am 23. April 1956 in Lindau geboren und wuchs am Bodensee auf. Ihr Weg in den Journalismus führte zunächst nicht ins Fernsehstudio, sondern in die Redaktion: Sie absolvierte ein Volontariat bei der „Nürnberger Zeitung“ und studierte anschließend Theaterwissenschaft in Erlangen. Diese Kombination aus praktischer Redaktionsarbeit und kulturwissenschaftlichem Denken sollte sich später als bemerkenswert nützlich erweisen.
1980 begann Jacqueline Stuhler als Reporterin beim Bayerischen Rundfunk. Dort moderierte sie Sendungen für ein junges Publikum, darunter „Zündfunk“ und „Live aus dem Alabama“. Das waren keine beiläufigen Stationen. In einer Zeit, in der junge Menschen öffentlich-rechtliche Angebote oft als schwerfällig und autoritär empfanden, musste eine Moderatorinauthentisch sein, zuhören können und die Sprache der Zielgruppe verstehen, ohne sich anzubiedern. Jacqueline Stuhler entwickelte in diesem Umfeld eine Fähigkeit, die später zu ihrem Markenzeichen wurde: komplexe Inhalte so zu vermitteln, dass sie nicht wie eine Ansage wirkten, sondern wie ein Gespräch.
Auch beim WDR war sie tätig. In der ARD war sie zudem in der Kindersendung „Links und rechts vom Äquator“ zu sehen. Dass sie früh in Formaten für Jugendliche und Kinder arbeitete, erklärt viel über ihren späteren Stil. Sie behandelte ihr Publikum nie als unwissend. Stattdessen ging sie davon aus, dass Menschen bereit sind, sich mit wichtigen Themen zu beschäftigen, wenn man ihnen den Zugang ermöglicht.
Vom Jugendfunk in die Innenpolitik
Der berufliche Wendepunkt kam 1990. Jacqueline Stuhler übernahm beim damaligen Süddeutschen Rundfunk die Leitung der Redaktion Innenpolitik. Damit wechselte sie von den eher jugendkulturellen und unterhaltsamen Formaten in den Kern politischer Berichterstattung. Sie verantwortete unter anderem die Sendung „Pro und Contra“ sowie das „Schlaglicht“ im Dritten Programm.
Diese Etappe zeigt eine Seite von Jacqueline Stuhler, die im öffentlichen Gedenken leicht hinter dem Erfolg des „ARD-Buffet“ zurücktritt: Sie war keine Moderatorin, die ausschließlich vor der Kamera stand, sondern eine Redakteurin mit Verantwortung. Sie bestimmte mit, welche Themen auf den Bildschirm kamen, wie Debatten strukturiert wurden und welcher Ton in der politischen Berichterstattung angesprochen wurde.
Später präsentierte sie die 21-Uhr-Nachrichten im damaligen Südwest 3 und moderierte das „Schlaglicht“, das sich jeweils dem Thema der Woche widmete. Bis 2008 befragte sie im „SWR Wortwechsel“ prominente Gäste. Zugleich prägte sie das landespolitische Magazin „Ländersache“ im SWR Fernsehen für Baden-Württemberg. Politik war für Jacqueline Stuhler also kein Nebenprodukt ihrer Karriere, sondern ein dauerhafter beruflicher Anker.
Das ist heute besonders bemerkenswert. Moderne Medienlandschaften neigen dazu, Politik, Service und Unterhaltung strikt zu trennen. Jacqueline Stuhler bewegte sich zwischen diesen Welten, ohne ihre journalistische Haltung aufzugeben. Sie konnte über Verbraucherfragen sprechen, ohne trivial zu wirken, und politische Debatten führen, ohne kühl oder unnahbar zu bleiben.
„ARD-Buffet“: Vertrautheit als journalistische Leistung
1998 wurde Jacqueline Stuhler in das Gründungsteam des „ARD-Buffet“ berufen. Die Sendung entstand in einer Umbruchsphase: Der Süddeutsche Rundfunk und der Südwestfunk fusionierten zum SWR, und das „ARD-Buffet“ wurde zu einem der ersten gemeinsamen Programme des neuen Senders. Aus dieser Konstellation entwickelte sich ein Format, das über mehr als 25 Jahre eine feste Größe im Mittagsprogramm des Ersten blieb.
Elf Jahre lang war Jacqueline Stuhler das Gesicht dieser Sendung. Das klingt nach einer rein moderativen Aufgabe, war aber in Wahrheit eine anspruchsvolle journalistische Rolle. Das „ARD-Buffet“ behandelte Themen, die im Alltag eine unmittelbare Rolle spielten: Gesundheit, Finanzen, Recht, Ernährung, Wohnen, Technik und Verbraucherschutz. Solche Inhalte leben davon, dass sie glaubwürdig vermittelt werden. Eine falsche Betonung, ein übertriebenes Versprechen oder eine allzu werbliche Sprache können das Vertrauen des Publikums schnell beschädigen.
Jacqueline Stuhler brachte genau diese Glaubwürdigkeit mit. Sie war nicht diejenige, die Wissen von oben herab weitergab, sondern diejenige, die Fragen stellte, die viele Zuschauer selbst gehabt hätten. SWR-Intendant Kai Gniffke würdigte sie nach ihrem Tod als jemanden, der genau zugehört, Menschen ernst genommen und komplexe Themen verständlich gemacht habe. Diese Beschreibung trifft den Kern ihrer Wirkung.
In einer Zeit, in der Informationen überall und jederzeit verfügbar sind, wird häufig übersehen, wie wertvoll verlässliche Orientierung ist. Das Internet liefert Antworten, aber nicht immer Einordnung. Eine Moderatorin wie Jacqueline Stuhler schuf etwas anderes: eine verlässliche Routine. Menschen wussten, dass sie bei ihr nicht nur unterhalten, sondern ernst genommen wurden.
Warum ihr Tod über den SWR hinaus relevant ist
Der Tod von Jacqueline Stuhler betrifft nicht nur den SWR oder die ARD. Er markiert das Ende einer bestimmten Art von Fernsehjournalismus. Ihre Generation wuchs mit dem Prinzip auf, dass Redaktion, Recherche und Verantwortung zusammengehören. Eine Sendung war nicht bloß ein Content-Format, sondern ein öffentliches Versprechen: Hier wird geprüft, hier wird eingeordnet, hier wird nicht einfach behauptet.
Jacqueline Stuhler verkörperte dieses Versprechen auf eine Weise, die heute wieder an Bedeutung gewinnt. In einer digitalen Medienwelt, in der Aufmerksamkeit oft schneller gewonnen wird als Vertrauen, bleibt die Fähigkeit entscheidend, komplizierte Zusammenhänge ohne Dramatisierung zu erklären. Ihre Arbeit zeigt, dass Zugänglichkeit keine Oberflächlichkeit sein muss. Im Gegenteil: Wer etwas wirklich versteht, kann es meist einfacher erklären.
Ihre Laufbahn ist auch ein Beispiel dafür, wie vielfältig journalistische Kompetenz sein kann. Sie war Reporterin, Moderatorin, Redaktionsleiterin, Interviewerin und prägende Stimme eines bundesweit bekannten Formats. Diese Vielseitigkeit entstand nicht durch Zufall, sondern durch die Bereitschaft, sich immer wieder neuen Aufgaben zu stellen. Vom Jugendradio über die Innenpolitik bis zum Servicefernsehen: Jacqueline Stuhler hat gezeigt, dass ein Wechsel der Formate kein Bruch sein muss, wenn die journalistische Haltung stimmt.
Auszeichnungen und Anerkennung
Jacqueline Stuhlers Arbeit wurde auch außerhalb der täglichen Sendungen anerkannt. Bereits 1982 erhielt sie den Ernst-Schneider-Preis für Wirtschaftsjournalismus. 2001 folgte der Hans-Bausch-Mediapreis. Diese Auszeichnungen belegen, dass ihre Wirkung nicht allein auf Popularität beruhte. Sie wurde für inhaltliche Qualität ausgezeichnet, für die Fähigkeit, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen journalistisch ernst zu nehmen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Gerade Wirtschaftsthemen sind oft ein Test für guten Journalismus. Sie können schnell abstrakt, technisch oder abschreckend werden. Dass Jacqueline Stuhler bereits früh für Wirtschaftsjournalismus ausgezeichnet wurde, zeigt, dass sie komplexe Zusammenhänge nicht nur verstehen, sondern auch übersetzen konnte. Diese Fähigkeit wurde später zu einem Grundpfeiler ihrer Arbeit im „ARD-Buffet“.
Ein Abschied, der an eine Haltung erinnert
Der SWR nimmt am Dienstagabend im Programm Abschied von Jacqueline Stuhler. Die Hauptausgabe von „SWR Aktuell Baden-Württemberg“ um 19:30 Uhr erinnert an die Verstorbene. Doch der eigentliche Abschied findet nicht nur in einer Sendung statt. Er findet in der Erinnerung all jener Zuschauer statt, die über Jahre hinweg ihre Stimme, ihre Ruhe und ihre Art, zuzuhören, kennenlernten.
Jacqueline Stuhler hinterlässt kein Spektakel, sondern eine Haltung. Sie bewies, dass man Menschen erreichen kann, ohne sie zu bevormunden. Dass man über Alltagsfragen sprechen kann, ohne sie unwichtig zu machen. Und dass politischer Journalismus dann am stärksten wirkt, wenn er nicht nach oben oder unten schaut, sondern den Menschen in ihrer Wirklichkeit begegnet.
Ihr Tod schließt ein Kapitel der deutschen Fernsehgeschichte. Zugleich erinnert es daran, welche Qualitäten im Journalismus Bestand haben: Neugier, Sorgfalt, Klarheit und Respekt gegenüber dem Publikum. Jacqueline Stuhler wird vor allem als das Gesicht des „ARD-Buffet“ in Erinnerung bleiben. Doch ihr größeres Vermächtnis ist die Überzeugung, dass gute Vermittlung keine Zugeständnis an ein Publikum ist, sondern dessen wichtigste Form von Respekt.
Quellen
Bekannt aus „ARD-Buffet“: Jacqueline Stuhler ist tot
Trauer um langjährige ARD-Moderatorin Jacqueline Stuhler


