Die Frau, die Mallorca verstand: Ein Nachruf auf Gabriele Kunze – die Stimme einer Insel, die nie nur Urlaub war

16/07/2026
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Wenn man auf Mallorca nach Gabriele Kunze fragte, bekam man keine Wegbeschreibung. Man bekam Geschichten. Geschichten über den Wind, der in den Pinienwipfeln von Puigpunyent anders klingt als am Ballermann. Über alte Mallorquiner, die ihren Kaffee noch immer in der Tasse trinken, die der Großmutter gehörte. Über Feste, die keine Touristen kennen, weil sie nicht im Kalender stehen, sondern im Herzen der Insel schlagen. Gabriele Kunze war nicht nur die dienstälteste Redakteurin des Mallorca Magazins. Sie war dessen Gedächtnis. Ihr Tod in der Nacht zum 10. Juli 2025, nach einem Unfall in ihrem Haus in den Bergen bei Puigpunyent, reißt eine Lücke, die kein Nachruf füllen kann – weil sie selbst diejenige war, die Lücken mit Worten füllte.

Eine Frankfurterin wird Mallorquinerin

Gabriele Kunze, geboren am 30. Januar 1949 in Frankfurt am Main, kam nicht als Touristin auf die Insel. Sie kam als junge Frau mit Neugier, die größer war als der Koffer, den sie packte. In den frühen Siebzigern, als Mallorca noch kein Synonym für Sangria-Eimer und Bettenburgen war, sondern ein Ort mit zerrissener Geschichte – Franco-Diktatur, aufkeimender Tourismus, stille Dörfer, in denen die Zeit anders verlief –, fand sie ihre zweite Heimat. Nicht weil das Wetter besser war, sondern weil die Menschen ihr etwas boten, das Frankfurt nicht hatte: eine Sprache, die man nicht nur spricht, sondern lebt.

Ihr Weg ins Mallorca Magazin war kein Karrieresprung. Es war eine Heimkehr. Als sie Anfang der Neunziger zur Redaktion stieß, war das Blatt noch ein Geheimtipp für Residenten, die wissen wollten, wo der beste Ensaïmada duftet, bevor die Busse anrollen. Kunze verstand sofort: Journalismus auf Mallorca funktioniert nicht nach Redaktionsplan. Er funktioniert nach Tiempo – der mallorquinischen Zeit, die sich nicht an Deadlines hält, sondern an Erntezyklen, Patronatsfesten und dem Rhythmus der Tramuntana.

Die Kolumne als Lebenswerk

Ihr Markenzeichen war die Kolumne. Nicht irgendeine Kolumne. Ihre. Jede Woche, jahrzehntelang, signiert mit einem Kürzel, das auf der Insel Kultstatus erreichte: G.K. Drei Buchstaben, die mehr Gewicht hatten als ganze Leitartikel. Wer „G.K.“ las, wusste: Hier spricht jemand, der nicht nur zusieht, sondern mitfühlt. Der nicht über Mallorca schreibt, sondern aus Mallorca heraus.

Ihre Themen? Alles, was das Inselleben ausmacht – und nichts, was Klischees bedient. Sie schrieb über die Fira del Ram in Palma, den Jahrmarkt, der seit 1854 die Stadt in ein Lichtermeer taucht, und über die Einsamkeit deutscher Rentner in Santa Ponça, die ihren Geburtstag allein feiern, weil die Kinder in Hamburg keine Zeit haben. Sie porträtierte den alten Hirten in Escorca, der seine Schafe noch nach Sternen zählen lässt, und die junge Köchin in Sóller, die Tumbet neu erfindet, ohne die Großmutter zu verraten.

Was ihre Texte besonders machte, war eine seltene Mischung: analytische Schärfe gepaart mit poetischer Zärtlichkeit. Sie konnte in einem Satz die ökonomische Tragik der Landflucht benennen und im nächsten den Duft von Orangenblüten im Valldemossa-Tal beschreiben, der selbst den zynischsten Leser verstummen ließ. Ihre Sprache war deutsch, aber ihr Denken war mallorquinisch – verwurzelt, widerständig, voller Senya (Gesundverstand).

Europäerin des Jahres – eine Auszeichnung, die passte

2004 wurde sie zur „Europäerin des Jahres“ auf Mallorca gewählt. Kein Preis für europäische Politik, sondern für europäisches Leben im Kleinen. Kunze verkörperte, was Europa sein könnte, wenn man es nicht in Brüssel verhandelt, sondern in der Plaza von Algaida lebt: ein Deutscher, der Mallorquinisch lernt, nicht um anzugeben, sondern um dem alten Senyer beim Café con Leche zuzuhören. Eine Frau, die Brücken baut, indem sie einfach da bleibt – Jahrzehnte lang.

Die Auszeichnung überraschte sie. „Ich schreibe nur auf, was ich sehe“, sagte sie bei der Verleihung, während ihre Hände, die Tausende von Artikeln getippt hatten, zitterten. „Vielleicht ist das der europäischste Akt: Zusehen. Zuhören. Aufschreiben.“

Der Ruhestand, der keiner war

2014 ging sie offiziell in den Ruhestand. Das Mallorca Magazin verabschiedete sie mit einer Feier, bei der Verleger Bernd Jogalla sagte: „Gabriele geht nicht. Sie bleibt. Nur ohne Deadline.“ Er sollte recht behalten. Ihre Kolumne lief weiter. Ihre Reportagen weiter. Ihre Bücher – wie das 2013 erschienene „Mallorca-Märchen“, illustriert von Rudy Schwizgebel – wurden zu Klassikern für alle, die die Insel nicht nur besuchen, sondern verstehen wollen.

In den letzten Jahren, als der Tourismus nach der Pandemie mit unverhohlener Gier zurückkehrte, wurden ihre Texte lauter. Nicht aggressiv. Aber bestimmt. Sie schrieb über die Gentrification in Palmas Altstadt, wo alte Familien ihre Wohnungen verlieren, weil Investoren aus Berlin oder London Airbnb-Lizenzen stapeln. Über die Tramuntana, die unter dem Ansturm von E-Bike-Touren leidet, deren Fahrer die Stille der Berge mit Bluetooth-Boxen durchtränken. Über das Wasser, das knapp wird, während Golfplätze grün bleiben.

„Ich bin keine Aktivistin“, sagte sie 2023 in einem ihrer letzten Interviews. „Ich bin Zeugin. Und Zeugen schweigen nicht, wenn das, was sie lieben, zerstört wird.“

Ein Unfall in den Bergen – und das Ende einer Ära

In der Nacht zum 10. Juli 2025 stürzte sie in ihrem Haus in den Bergen bei Puigpunyent. Nicht auf einer Reportage. Nicht bei einem Fest. Einfach so. Ein Missgeschick, wie es im Alter passiert. Doch die Folgen waren tödlich. Sie erlag ihren Verletzungen im Klinikum Son Espases in Palma – jenem Krankenhaus, über das sie einst schrieb, als es noch ein Provisorium war.

Die Nachricht verbreitete sich auf der Insel schneller als jedes Breaking News. In Sóller legten Ladenbesitzer schwarze Tücher in die Fenster. In Palma stellten Fischer am Hafen die Motoren ab für eine Minute. Auf Facebook teilten Tausende ihre Texte, ihre Zitate, ihre G.K.-Momente. „Sie hat uns beigebracht, Mallorca zu lesen“, schrieb ein Follower. „Jetzt müssen wir lernen, ohne sie weiterzulesen.“

Was bleibt – und was fehlen wird

Gabriele Kunze hinterlässt kein Vermögen, keine Stiftung, keine Institution mit ihrem Namen. Sie hinterlässt etwas Wertvolleres: einen Blick. Einen Blick, der das Offensichtliche hinterfragte und das Verborgene sichtbar machte. In einer Zeit, in der Content regiert und Algorithmen entscheiden, was relevant ist, war sie das Gegenteil: relevant, weil sie Zeit hatte. Weil sie blieb. Weil sie nicht klickte, sondern hinsah.

Ihr Erbe ist in den Archiven des Mallorca Magazins konserviert – Tausende Artikel, die heute wie ein Seismograf der Inselgeschichte lesen. Aber ihr wahrer Nachlass lebt in den Menschen weiter, die durch sie gelernt haben: Mallorca ist keine Postkarte. Es ist ein Land mit Narben, Träumen, Widersprüchen. Und wer es liebt, muss es auch kritisch begleiten.

Für die deutsche Community auf der Insel war sie oft die einzige Stimme, die nicht nur „Willkommen“ sagte, sondern auch „Pass auf“. Für die Mallorquiner war sie eine Payesa (Bäuerin) im Geiste – jemand, der die Erde bearbeitet, auf der er steht, statt sie nur zu bebauen.

Die Zukunft ohne G.K.

Das Mallorca Magazin wird weiterkommen. Neue Redakteure werden die Kolumne übernehmen. Vielleicht sogar gut. Aber sie werden nicht G.K. sein. Denn Gabriele Kunze war kein Ressort. Sie war eine Haltung.

In den kommenden Monaten wird die Redaktion entscheiden, wie sie die Lücke füllt. Ob sie die Kolumne einstellt, umbenennt, neu erfindet. Was auch immer sie tun: Es wird ein Nach-Gabriele-Kunze-Journalismus sein. Ein Journalismus, der sich an ihr messen lassen muss – an ihrer Tiefe, ihrer Unabhängigkeit, ihrer Liebe, die nie blind war.

Für die Leser bleibt die Aufgabe, ihre Texte wiederzulesen. Nicht aus Nostalgie. Sondern als Kompass. Wenn die nächste Hotelanlage in einem Naturschutzgebiet genehmigt wird. Wenn die nächste Finca zum Event-Location wird. Wenn die nächste Generation deutscher Auswanderer ankommt, die glauben, Mallorca sei ein verlängertes Wohnzimmer mit Meerblick.

Dann hilft ein Blick in das Archiv. Ein Text von G.K. lesen. Und fragen: „Was hätte sie dazu geschrieben?“

Die Antwort liegt nicht in den Zeilen. Sie liegt in der Haltung. Hinschauen. Zuhören. Aufschreiben. Bleiben.

Gabriele Kunze ist tot. Aber ihre Stimme hallt in den Pinienwäldern von Puigpunyent nach. In jedem Café con Leche, das ein alter Mallorquiner einem Deutschen anbietet, der gerade erst anfängt, die Sprache zu lernen. In jedem Artikel, der nicht fragt: „Was bringt Klicks?“, sondern: „Was ist wahr?“

Quellen

Abschied von einer Mallorca-Institution: MM-Kolumnistin Gabriele Kunze nach Unfall verstorben
Mallorca : Geschichten & Märchen

Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

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