Thwaites-Gletscher: Warum der Rückzug in der Westantarktis kaum noch aufzuhalten ist

21/10/2026
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© 2026 Nasa/gemeinfrei

Der Thwaites-Gletscher gerät zunehmend in eine Phase, die für Küsten weltweit weitreichende Folgen haben könnte. Neue Untersuchungen deuten darauf hin, dass dieser gewaltige antarktische Gletscher bis 2100 möglicherweise doppelt so viel zum Meeresspiegelanstieg beitragen könnte wie bislang in vielen Modellrechnungen angenommen. Zugleich zeigt eine zweite Analyse: Selbst unter extremen, realistisch kaum erreichbaren Abkühlungsbedingungen würde der Eisverlust des Gletschers noch über Generationen weitergehen. Damit rückt nicht nur ein einzelner Eisstrom in den Fokus, sondern die Stabilität eines gesamten Kontinenteissockels.

Der Thwaites-Gletscher liegt in der Westantarktis und wird wegen seiner potenziellen Wirkung auf den globalen Meeresspiegel oft als „Doomsday Glacier“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist zugespitzt, aber nicht unbegründet: Ein vollständiger Kollaps des Gletschers würde allein etwa 65 Zentimeter Meeresspiegelanstieg verursachen. Weil er zudem wie ein Damm vor Teilen des westantarktischen Eisschilds wirkt, könnte sein Verlust langfristig Prozesse in Gang setzen, die den Meeresspiegel um mehrere Meter anheben. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Gletscher Eis verliert, sondern wie schnell, wie weitreichend und wie schwer umkehrbar dieser Prozess ist.

Ein Gletscher mit strategischer Bedeutung

Der Thwaites-Gletscher ist mit einer Breite von rund 120 Kilometern der breiteste Gletscher der Erde. Sein Einzugsgebiet umfasst etwa 192.000 Quadratkilometer – eine Fläche, die ungefähr Österreich, der Schweiz und Tschechien zusammen entspricht. Er ist damit kein isoliertes Naturphänomen am Rand der Antarktis, sondern ein zentraler Baustein des westantarktischen Eissystems.

Gemeinsam mit dem Pine-Island-Gletscher gehört Thwaites zu den Regionen, in denen die Antarktis derzeit besonders rasch Masse verliert. Der Gletscher trägt bereits etwa vier Prozent zum globalen Meeresspiegelanstieg bei. Seit dem Jahr 2000 hat er nach Schätzungen mehr als eine Billion Tonnen Eis verloren; jährlich sind es rund 50 Milliarden Tonnen. Das klingt abstrakt, hat aber eine sehr konkrete Bedeutung: Jeder zusätzliche Zentimeter Meeresspiegel verändert Hochwasserrisiken, Küstenschutz, Grundwasser, Häfen und Siedlungsgebiete.

Warum das Meer wichtiger ist als die Luft

Viele Menschen verbinden das Schmelzen von Eis vor allem mit wärmerer Luft. Beim Thwaites-Gletscher ist jedoch der Ozean der entscheidende Faktor. Relativ warmes Tiefenwasser dringt unter das schwimmende Schelfeis vor und schmilzt es von unten. Dieses Schelfeis funktioniert wie eine Bremse: Es hält den Eisstrom zurück, der vom Festland Richtung Meer fließt.

Wird die Bremse dünner, verliert der Gletscher an Halt. Mehr Eis kann dann vom Kontinent ins Meer gelangen, wodurch der Meeresspiegel steigt. Entscheidend ist dabei nicht nur die Temperatur des Wassers, sondern auch die Form des Meeresbodens. Unter Teilen der Westantarktis liegt das Felsbett unterhalb des Meeresspiegels und fällt landeinwärts ab. Das erzeugt eine gefährliche Dynamik: Je weiter sich die Grenze zwischen aufliegendem und schwimmendem Eis zurückverlagert, desto tiefer kann das Wasser unter den Gletscher vordringen – und desto größer wird die Kontaktfläche, an der Schmelzen stattfindet.

Die entscheidende Zone unter dem Eis

Bisher behandelten viele Eisdatenmodelle die sogenannte Grundlinie als relativ schmale Grenze: Dort, wo das Eis nicht mehr auf Fels ruht, beginnt es auf dem Meer zu schwimmen. Die neue Modellierung geht einen Schritt weiter. Sie betrachtet diese Übergangszone als breiten Raum, in dem Gezeiten warmes Meerwasser tief unter das Eis pumpen können.

Dieses „tidal pumping“ hat eine wichtige Folge: Das Meerwasser hebt und senkt das Eis rhythmisch. Dadurch kann Wasser in Hohlräume und Spalten vordringen, die früher als schwer zugänglich galten. Die Wärme erreicht damit nicht nur die Unterseite des Schelfeises, sondern auch Bereiche des Gletschers, die noch teilweise am Untergrund haften. Das beschleunigt das Abschmelzen und schwächt die Verankerung des gesamten Systems.

Die Forschenden konnten mit diesem Ansatz die beobachteten Veränderungen des Gletschers seit den 1990er Jahren deutlich genauer nachbilden. Das ist ein wichtiger Fortschritt, weil Klimamodelle nicht nur die Zukunft beschreiben sollen, sondern auch die Vergangenheit korrekt erklären müssen. Ein Modell, das beobachtete Rückzugsprozesse besser reproduziert, liefert zugleich belastbarere Aussagen über kommende Jahrzehnte.

Bis zu drei Zentimeter bis 2100

Die aktualisierten Berechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass der Thwaites-Gletscher bis zum Ende des Jahrhunderts bis zu etwa drei Zentimeter zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen könnte. Das entspricht rund 30 Millimetern und etwa dem Doppelten früherer Schätzungen. Drei Zentimeter wirken auf den ersten Blick gering. Für Küstenstädte sind sie jedoch kein Detail: Sie verschieben die Häufigkeit von Überflutungen, verlängern die Dauer von Sturmfluten und erhöhen die Belastung für Deiche, Pumpwerke und Entwässerungssysteme.

Besonders brisant ist ein weiterer Befund: In den Simulationen besteht eine Wahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent, dass sich der Gletscher bis 2100 von der Mouginot-Ridge löst. Diese unterseeische Erhebung wirkt derzeit wie eine Ankerstelle und stabilisiert den Eisstrom. Verliert der Gletscher diesen Halt, könnte sein Rückzug über ein abfallendes Meeresbett hinweg beschleunigt werden. In einigen Rechnungen könnte diese Entkoppelung sogar schon in den späten 2030er Jahren beginnen.

Warum Abkühlung allein nicht genügt

Die zweite Studie stellt eine fast provokante Frage: Was würde passieren, wenn das warme Meerwasser den Gletscher gar nicht mehr schmelzen würde? Die Forschenden simulierten dafür über 150 Jahre ein Szenario ohne ozeanisches Schmelzen. Beim benachbarten Pine-Island-Gletscher zeigte sich eine gewisse Erholung: Das Eis begann wieder dicker zu werden. Beim Thwaites-Gletscher jedoch setzte sich der Eisverlust fort, wenn auch langsamer.

Das bedeutet nicht, dass der Gletscher unweigerlich kollabieren muss. Es bedeutet aber, dass seine heutige Dynamik nicht allein vom aktuellen Klima abhängt. Frühere Erwärmung, veränderte Eisdicken, verschobene Kontaktflächen und die Topografie des Meeresbodens haben das System bereits in einen Zustand versetzt, in dem es sich weiter verändert. Ein Gletscher ist kein Schalter, der sich sofort zurückstellt, sobald die Ursache nachlässt. Er reagiert träge, mit Verzögerung und über Zeiträume, die weit über politische Legislaturperioden hinausreichen.

Was das für Küstenregionen bedeutet

Für Politik und Stadtplanung entsteht daraus eine unbequeme Doppelstrategie. Emissionsminderung bleibt notwendig, weil weitere Erwärmung der Ozeane den Eisverlust zusätzlich beschleunigen könnte. Gleichzeitig darf Küstenschutz nicht mehr ausschließlich auf optimistische Szenarien setzen. Häfen, Deiche, Kanalisation, Flughäfen und ganze Stadtviertel müssen mit dem Gedanken geplant werden, dass der Meeresspiegel auch dann weitersteigt, wenn die Welt beim Klimaschutz Fortschritte macht.

Besonders betroffen sind dicht besiedelte Deltas, flache Küstenebenen und Inselstaaten. Dort genügen schon geringe Veränderungen, um Salzwasser in Grundwasserleiter einzudringen, landwirtschaftliche Flächen unbrauchbar zu machen oder regelmäßige Überflutungen zur Normalität werden zu lassen. Der Thwaites-Gletscher liegt zwar am anderen Ende der Welt, seine Folgen wären jedoch global.

Was Forschende noch lernen müssen

Trotz der neuen Erkenntnisse bleiben viele Fragen offen. Die Übergangszone zwischen Festlandeis und Schelfeis ist schwer zugänglich, und direkte Messungen unter dem Eis sind technisch anspruchsvoll. Die Forschenden planen deshalb, in den kommenden Jahren Instrumente direkt am Gletscher einzusetzen, um Strömungen, Gezeiten, Wassertemperatur und Eisdicke genauer zu erfassen.

Diese Daten werden entscheidend sein, um einzuschätzen, ob der Rückzug gleichmäßig verläuft oder ob er an bestimmten Schwellen deutlich beschleunigt. Denn nicht jeder Eisverlust bedeutet automatisch einen unkontrollierbaren Kollaps. Die Antarktis ist ein komplexes System aus Eis, Ozean, Felsbett, Schnee und Atmosphäre. Genau deshalb sind präzise Beobachtungen wichtiger als dramatische Einzelprognosen.

Ein Warnsignal für das Jahrhundert

Der Thwaites-Gletscher zeigt, wie eng Klimawandel, Ozeanphysik und Geologie verbunden sind. Seine Geschichte ist kein Beispiel für einen plötzlichen Untergang, sondern für einen langsamen, aber potenziell selbstverstärkenden Prozess. Der Gletscher reagiert heute auf Einflüsse, die über Jahrzehnte gewirkt haben – und seine Veränderungen werden noch lange spürbar sein, wenn die Ursachen bereits reduziert worden sind.

Die wichtigste Lehre lautet daher: Zeit gewinnt man nicht durch Abwarten. Jede Vermeidung zusätzlicher Erwärmung verringert das Risiko, dass sich Rückzugsprozesse verstärken. Zugleich braucht es eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Meeresspiegelanstieg, der sich über die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht mehr vollständig abwenden lässt. Der Thwaites-Gletscher ist damit weniger ein Symbol für das Ende als ein Maßstab dafür, wie ernst die Welt die langfristigen Folgen des Klimawandels nimmt.

Quellen

Ungute Neuigkeiten vom “Weltuntergangsgletscher”
NASA-Studie präzisiert Prognosen für den Thwaites-Gletscher

Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

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