Nach 162 Jahren: Die Modekette Keller-Warth kämpft in der Insolvenz um ihre Zukunft

09/10/2026
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© 2026 IMAGO/imageBROKER/fotoping

Die Modekette Keller-Warth steht nach 162 Jahren Unternehmensgeschichte vor ihrer größten Belastungsprobe: Das Traditionsunternehmen aus Biberach hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Für rund 90 Beschäftigte, 14 Filialen und sieben Standorte in Baden-Württemberg beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit – nicht nur um die Rettung eines Familienbetriebs, sondern auch um die Zukunft des stationären Modehandels in der Region.

Dass eine Modekette mit einer derart langen Geschichte in Schwierigkeiten gerät, ist kein isolierter Einzelfall. Es zeigt, wie stark sich die Erwartungen der Kundinnen und Kunden, die Kostenstruktur des Handels und die Rolle der Innenstädte verändert haben. Keller-Warth war über Generationen ein verlässlicher Teil des regionalen Handelslebens. Genau diese Verlässlichkeit wird nun auf eine harte Probe gestellt.

Ein Traditionsunternehmen unter Druck

Die Modehaus Keller-Warth GmbH wurde 1864 in Biberach gegründet und wird inzwischen in der fünften Generation von Günter Warth geführt. Das Unternehmen betreibt unter der Marke Warth 14 Geschäfte an sieben Standorten, darunter Biberach, Ravensburg, Laupheim, Riedlingen, Oberjoch, Überlingen und Freiburg.

Eine Modekette, die seit dem 19. Jahrhundert existiert, verkörpert mehr als nur Verkaufsflächen und Warenbestände. Sie ist in lokale Gewohnheiten eingebettet, kennt ihre Stammkundschaft oft über Jahrzehnte und trägt zur Identität einer Innenstadt bei. Wenn eine solche Modekette in die Krise gerät, betrifft das daher nicht allein das Unternehmen selbst, sondern auch Beschäftigte, Lieferanten, Vermieter und das Umfeld der jeweiligen Stadt.

Besonders prekär ist die Lage für die knapp 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zwar bleibt der Geschäftsbetrieb vorerst in allen Filialen aufrechterhalten, doch die Unsicherheit über Arbeitsplätze, Standorte und künftige Strukturen wiegt schwer. Ein Insolvenzverfahren ist keine automatische Schließung, aber es zwingt ein Unternehmen dazu, schnell und konsequent zu entscheiden, welche Teile des Geschäfts wirtschaftlich tragfähig sind.

Warum die Modekette nun reagieren muss

Geschäftsführer Günter Warth beschreibt die Lage nüchtern: Die Bedingungen im stationären Modehandel hätten sich grundlegend verändert. Die Folgen der Pandemie, sinkende Besucherzahlen in den Innenstädten und deutlich gestiegene Kosten hätten das Unternehmen in eine finanzielle Schieflage gebracht.

Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig. Während der Corona-Zeit verloren viele Geschäfte Umsatz, mussten aber gleichzeitig Mieten, Personal, Energie und Logistik weiterfinanzieren. Später kehrten die Kundinnen und Kunden nicht in dem Umfang zurück, der für ein flächendeckendes Filialnetz notwendig gewesen wäre. Eine Modekette mit mehreren Standorten trägt diese Fixkosten besonders sichtbar: Jede Filiale benötigt Personal, Lagerfläche, Warenpräsentation und laufende Betriebskosten – unabhängig davon, wie hoch der tägliche Umsatz ausfällt.

Hinzu kommt der strukturelle Wandel des Einkaufs. Mode wird zunehmend online verglichen, bestellt und zurückgeschickt. Wer früher in der Innenstadt nach einem Mantel, einer Hose oder einem festlichen Outfit suchte, prüft heute oft zunächst Preise, Verfügbarkeiten und Bewertungen im Netz. Der stationäre Handel kann daraus nicht einfach fliehen; er muss seinen Mehrwert neu begründen.

Die Insolvenz in Eigenverwaltung

Keller-Warth hat beim Amtsgericht Ravensburg Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Das Gericht bestellte Rechtsanwalt Michael Winterhoff aus Ulm zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Das Verfahren soll genutzt werden, um das Unternehmen wirtschaftlich neu aufzustellen und eine tragfähige Perspektive zu entwickeln.

Die Eigenverwaltung bedeutet im Kern, dass die Geschäftsführung zunächst weiter Verantwortung trägt, während ein Insolvenzverwalter den Prozess begleitet und kontrolliert. Für eine Modekette kann das ein Vorteil sein: Wer die Filialen, Kundenstruktur, Lieferbeziehungen und betrieblichen Abläufe kennt, kann Sanierungsentscheidungen praxisnäher treffen. Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck, weil Eigenverwaltung nur funktioniert, wenn Transparenz, Disziplin und ein glaubwürdiger Sanierungskurs zusammenkommen.

Im Mittelpunkt steht nun eine Bestandsaufnahme. Geprüft werden sollen die wirtschaftlichen Strukturen und das Filialnetz sowie die Frage, welche Standorte langfristig genug Umsatz erzielen, um die Kosten zu tragen. Konkrete Schließungsentscheidungen wurden bislang nicht bekannt. Entscheidend ist jedoch, dass eine Sanierung selten bedeutet, alles unverändert weiterzuführen.

Was jetzt über die Filialen entscheidet

Für eine regionale Modekette ist die Filialfrage zentral. Nicht jeder Standort hat automatisch dieselbe Zukunft. Ein Geschäft in einer stark frequentierten Innenstadt kann andere Chancen haben als eine Filiale an einem Standort mit rückläufigem Kundenverkehr. Entscheidend sind unter anderem Mietkosten, Umsatz pro Quadratmeter, Personalauslastung, Warenrotation, Erreichbarkeit und die Kaufkraft im Einzugsgebiet.

Eine Modekette muss dabei auch ihre Rolle klarer definieren. Reine Verfügbarkeit reicht heute kaum noch aus, weil digitale Händler Waren oft schneller liefern und preislich flexibler agieren können. Stationäre Häuser brauchen dagegen Gründe für den Besuch: kompetente Beratung, passgenaue Auswahl, Änderungsservice, sofortige Verfügbarkeit, ein angenehmes Einkaufserlebnis und eine persönliche Beziehung zur Kundschaft.

Gerade ein Familienunternehmen wie Keller-Warth kann hier Stärken haben. Langjährige Mitarbeitende, regionale Verwurzelung und persönliche Kundenkontakte sind keine Selbstverständlichkeit im modernen Handel. Ob diese Vorteile jedoch wirtschaftlich tragen, hängt davon ab, ob das Unternehmen sie gezielt in ein schlankeres, rentableres Geschäftsmodell übersetzt.

Warum der Fall über die Region hinausgeht

Die Krise der Modekette Keller-Warth ist zugleich ein Beispiel für einen breiteren Wandel. Viele Innenstädte kämpfen mit leerstehenden Flächen, veränderten Laufwegen und einem Rückgang des klassischen Bummelkaufs. Wenn etablierte Händler schließen oder ihre Präsenz reduzieren, kann das weitere Geschäfte schwächen: Weniger Kundenfrequenz bedeutet weniger Umsatz für Cafés, Dienstleister und andere Einzelhändler.

Eine Modekette ist in diesem Zusammenhang mehr als ein Anbieter von Kleidung. Sie kann ein Anker für den Einzelhandel sein, der Menschen in die Innenstadt zieht und die Attraktivität eines Standorts mitbestimmt. Ihr möglicher Rückzug hätte daher auch städtebauliche und wirtschaftliche Folgen. Städte, Vermieter und Handelskammern sollten die Entwicklung deshalb nicht nur als Unternehmensgeschichte betrachten.

Zugleich zeigt der Fall, dass Tradition allein keine wirtschaftliche Absicherung ist. Ein langjähriger Name schafft Vertrauen, aber keine Garantie für Umsatz. Eine Modekette muss ihre Geschichte mit aktuellen Kundenbedürfnissen verbinden – sonst wird aus einem vertrauten Markenzeichen zunehmend ein Erinnerungsort.

Welche Entscheidungen nun fallen müssen

Für Keller-Warth geht es in den kommenden Wochen um mehrere miteinander verbundene Fragen. Zunächst muss klar werden, ob das Unternehmen seine Kosten so senken kann, dass der Geschäftsbetrieb auch während des Verfahrens stabil bleibt. Danach folgt die schwierigere Frage: Welche Filialen, welche Sortimente und welche Dienstleistungen haben eine echte Zukunft?

Eine mögliche Strategie wäre die Konzentration auf die stärksten Standorte. Eine kleinere, aber wirtschaftlich gesündere Modekette kann häufig besser überleben als ein großes Netz mit unrentablen Filialen. Zugleich müsste das Unternehmen prüfen, wie es digitale Bestellwege, Kundenkommunikation und lokale Beratung sinnvoll verbindet, ohne seine Identität als persönliches Modehaus zu verlieren.

Auch die Zusammenarbeit mit Vermietern wird wichtig. In der Krise können flexible Mietmodelle, angepasste Vertragslaufzeiten oder gemeinsame Konzepte für Innenstadtflächen über den Fortbestand eines Geschäfts mitentscheiden. Eine Modekette kann nicht allein durch Kostensenkung saniert werden; sie braucht ein Umfeld, das langfristig tragfähige Handelsstandorte ermöglicht.

Eine Prüfung für den gesamten Handel

Der Insolvenzantrag von Keller-Warth ist ein Warnsignal für den stationären Modehandel. Er zeigt, dass Unternehmen nicht erst dann handeln sollten, wenn Liquidität und Kundenfrequenz bereits spürbar nachlassen. Eine Modekette muss regelmäßig prüfen, ob ihre Filialstruktur, ihr Sortiment und ihre Kosten wirklich zur aktuellen Nachfrage passen.

Die kommenden Entscheidungen werden zeigen, ob sich ein traditionsreicher regionaler Händler unter veränderten Bedingungen neu erfinden kann. Die Chance liegt darin, die Stärken eines Familienunternehmens – Nähe, Erfahrung und persönliche Beratung – mit einem klareren, wirtschaftlich belastbaren Konzept zu verbinden. Das Risiko besteht darin, zu lange an Strukturen festzuhalten, die früher funktionierten, heute aber zu teuer oder zu wenig kundenorientiert sind.

Für die Beschäftigten, die Kundschaft und die betroffenen Städte bleibt zunächst die wichtigste Nachricht: Alle 14 Filialen bleiben vorerst geöffnet. Doch hinter dieser vorläufigen Ruhe beginnt eine entscheidende Phase. Ob die Modekette Keller-Warth ihre 162-jährige Geschichte fortschreiben kann, hängt nun davon ab, ob aus dem Insolvenzverfahren nicht nur eine Restrukturierung wird, sondern ein glaubwürdiger Neuanfang.

Quellen

Modekette kämpft ums Überleben – nach 162 Jahren
Modehaus-Kette mit 14 Filialen an 7 Standorten pleite



Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

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