Radsport erlebt gerade eine bemerkenswerte Verschiebung: Ausgerechnet Tadej Pogacar, der Mann, der die Tour de France in den vergangenen Jahren fast nach Belieben geprägt hat, denkt laut über Gravel-Rennen nach. Der Slowene war bei einer Gravel-Weltmeisterschaft erstmals als Zuschauer dabei, genoss die Atmosphäre sichtlich und erklärte nun, dass er künftig unbedingt selbst im Schotter starten möchte. Wann und wo, bleibt offen – doch die Aussage allein reicht aus, um eine Debatte über die Zukunft des Radsports neu zu entfachen.
Pogacar ist kein Fahrer, der spontan Aussagen macht, ohne deren Wirkung zu bedenken. Wenn ein fünffacher Tour-de-France-Sieger öffentlich über Gravel spricht, dann verändert das nicht nur die Wahrnehmung dieser Disziplin. Es verändert auch den Druck auf Veranstalter, Teams, Sponsoren und Medien. Denn Pogacar ist im Radsport längst mehr als ein Athlet: Er ist ein globaler Anziehungspunkt, ein Name, der Rennen zu Ereignissen macht.
Vom Asphalt in den Schotter
Die Faszination ist nachvollziehbar. Gravelrennen verbinden Ausdauer, Technik, Navigation und ein Gefühl von Freiheit, das der stark regulierte Straßenradsport oft vermissen lässt. Statt geschlossener Strecken, Teamfunk und millimetergenauer Positionierung im Feld geht es über Schotterwege, Feldwege, Waldpassagen und teils abgelegene Landschaften. Das Publikum steht näher, die Stimmung ist lockerer, und die Grenze zwischen Profi und Hobbyfahrer verschwimmt.
Genau diese Mischung scheint Pogacar anzusprechen. Er beschrieb die Gravel-WM als Erlebnis, das er als Fan wirklich genossen hat. Das ist mehr als eine höfliche Bemerkung. Für einen Fahrer, dessen Kalender seit Jahren von Grand Tours, Monumenten und Vorbereitungsrennen bestimmt wird, ist Gravel eine andere Form von Radsport: weniger vorhersehbar, körperlich anders, aber möglicherweise mental befreiender.
Interessant ist dabei, dass Pogacar bereits im Cyclocross unterwegs war. Der Cyclocross gilt traditionell als Schule für Radbeherrschung, Explosivität und Mut im Gelände. Wer dort bestehen kann, bringt wichtige Voraussetzungen für Gravel mit: schnelle Kurven auf losem Untergrund, das Gefühl für Traktion, Reaktionsschnelligkeit bei plötzlichen Untergrundwechseln und die Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben.
Warum Pogacar im Gravel sofort relevant wäre
Ein Start von Pogacar bei einem Gravel-Rennen wäre kein gewöhnlicher Auftritt. Er würde die Disziplin sofort in eine andere mediale Liga heben. Gravel hat in den vergangenen Jahren enorm an Popularität gewonnen, verfügt über eine wachsende internationale Szene und mit den UCI Gravel World Championships über einen offiziellen Rahmen. Trotzdem bleibt die Sportart für viele Zuschauer noch eine Entdeckung.
Pogacar könnte diese Entdeckung beschleunigen. Seine Teilnahme würde nicht nur neue Fans bringen, sondern auch Sponsoren, TV-Interesse und professionelle Strukturen anziehen. Das ist keine bloße Spekulation: Der Radsport hat immer wieder gesehen, wie die Präsenz eines Ausnahmetalents eine Disziplin verändert. Als Mountainbike, Bahnrad oder Cyclocross große Namen in den Fokus rückten, wuchsen Aufmerksamkeit und Investitionen meist mit.
Für die Gravel-Szene wäre das allerdings ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bringt ein Star wie Pogacar Sichtbarkeit, Geld und professionelle Standards. Andererseits besteht die Gefahr, dass die besondere Kultur des Gravelracings – unabhängig, abenteuerlich, gemeinschaftlich – von Kommerzialisierung und Leistungsdruck überlagert wird. Gravel lebt davon, dass ein Weltklassefahrer und ein Hobbyathlet am selben Start stehen können. Diese Offenheit ist ein Wert, den die Szene schützen muss.
Die größte Hürde heißt Kalender

Pogacar selbst nennt das zentrale Problem: Zeit. Sein Jahr ist auf wenige Ziele ausgerichtet, vor allem auf die Tour de France, große Etappenrennen und die wichtigsten Eintagesrennen. Ein Gravel-Programm lässt sich nicht einfach nebenbei organisieren. Es braucht Qualifikationswege für die Weltmeisterschaft, spezifisches Training, passende Ausrüstung und oft lange Reisen zu abgelegenen Veranstaltungsorten.
Hinzu kommt die körperliche Umstellung. Ein Gravelrennen ist kein entspannter Ausflug ins Gelände. Die Distanzen sind häufig deutlich länger als bei klassischen Straßenrennen, der Untergrund fordert andere Muskelgruppen, und die Belastung ist weniger gleichmäßig. Wer auf Asphalt ein hohes Tempo hält, muss im Schotter zusätzlich Steine, Löcher, Staub, Schlamm und technische Passagen bewältigen.
Gerade nach Pogacars schwerem Sturz bei der Vuelta a España gewinnt diese Diskussion eine zusätzliche Dimension. Der Slowene erlitt neben einem Schlüsselbeinbruch mehrere Wirbelfrakturen und musste seine Saison vorzeitig beenden. Er hat inzwischen wieder mit dem Training begonnen, doch ein solcher Unfall verändert das Verhältnis eines Fahrers zum Risiko. Gerade Gravel kann unberechenbar sein: Der Untergrund wechselt schnell, Stürze passieren oft ohne Vorwarnung, und die Streckenführung ist weniger kontrollierbar als bei einem Straßenrennen.
Ein neuer Pogacar nach der Verletzung?
Die Verletzung könnte Pogacars Blick auf den Radsport verändert haben. Wer so nahe an einer schweren Verletzung war, beginnt möglicherweise, Rennen nicht nur als Pflichtprogramm zu sehen, sondern auch als Quelle von Freude. Gravel bietet genau das: weniger taktische Enge, mehr Landschaft, mehr Abenteuer und ein Renngefühl, das nicht ausschließlich von Gesamtwertung und Teamstrategie bestimmt wird.
Das bedeutet nicht, dass Pogacar seine Straße aufgeben wird. Im Gegenteil: Seine Rückkehr in den Straßenradsport ist für die kommende Saison der eigentliche Maßstab. Die Tour de France, die Klassiker und möglicherweise frühe Saisonrennen bleiben seine Bühne. Doch ein gelegentlicher Gravel-Start könnte zu einem bewussten Ausgleich werden – eine Art Gegenpol zum extremen Leistungsdruck des Profi-Radsports.
Für seine Konkurrenten wäre ein Gravel-Auftritt zudem ein psychologisches Signal. Pogacar zeigt damit, dass er nicht nur auf eine einzige Disziplin fixiert ist. Er bleibt neugierig, sucht neue Reize und will sich auch außerhalb seines gewohnten Terrains messen. Diese Haltung hat ihn bisher stark gemacht: Er ist nicht nur ein Bergfahrer, Zeitfahrer oder Klassiker-Spezialist, sondern ein allround begabter Athlet im Radsport.
Kein E-Sport: Der mentale Faktor
Bemerkenswert ist auch Pogacars klare Ablehnung von E-Sport-Rennen auf dem Fahrrad. Während viele Fahrer Indoor-Plattformen nutzen, um Training zu kontrollieren oder Wettkämpfe ohne Straßenrisiko zu bestreiten, empfindet Pogacar diese Form als mental extrem belastend. Er respektiere die Athleten, die stundenlang auf dem Hometrainer sitzen, sagte er – aber für ihn sei es zu hart.
Diese Ehrlichkeit ist aufschlussreich. Sie zeigt, dass selbst ein Fahrer mit außergewöhnlicher körperlicher Belastbarkeit Grenzen hat, wenn die mentale Komponente nicht stimmt. Im Radsport ist der Kopf oft entscheidender als die Beine. Ein Rennen lebt von Landschaft, Wetter, Gegnern, Kurven, Geräuschen und der direkten Konfrontation mit der Strecke. Genau diese Reize fehlen im Indoor-Bereich.
Gravel bietet davon umso mehr. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Pogacar sich einen Start vorstellen kann: Nicht nur wegen des Sports, sondern wegen des Erlebnisses. Ein Gravelrennen fühlt sich nach Expedition an, nach Entdeckung, nach einem Radsport, der nicht vollständig berechenbar ist.
Was ein Pogacar-Start bedeuten würde
Sollte Pogacar tatsächlich bei einem Gravel-Rennen starten, würde das die Sportart verändern. Veranstalter müssten mit deutlich größerem Medieninteresse rechnen. Teams würden professionellere Betreuung aufbauen. Fahrer aus dem Straßenradsport könnten dem Beispiel folgen. Und Zuschauer, die bisher nur Grand Tours verfolgen, würden einen neuen Zugang zum Radsport finden.
Die spannendste Frage ist jedoch nicht, ob Pogacar gewinnen würde. Selbst ein Mittelfeldplatz wäre für Gravel ein Gewinn. Entscheidend wäre die Botschaft: Dass die Grenzen zwischen Straße, Schotter, Cyclocross und Gelände immer durchlässiger werden. Dass ein Fahrer nicht auf eine Disziplin reduziert werden muss. Und dass der Radsport gerade dabei ist, sich neu zu erfinden.
Pogacar hat keinen Termin genannt und keinen konkreten Wettbewerb bestätigt. Doch seine Worte haben Gewicht. Er will es versuchen – irgendwann, irgendwo. Für den Gravel-Sport ist das bereits jetzt ein bedeutendes Signal. Für den weltweiten Radsport könnte es der Beginn einer neuen Ära sein, in der der beste Fahrer seiner Generation nicht nur Straßen, Berge und Zeitfahren beherrscht, sondern auch den Schotter.
Quellen
Tadej Pogacar kann sich Teilnahme an Gravel-Rennen vorstellen – Slowene schon beim Cyclocross unterwegs gewesen
Tadej Pogacar über Sturzfolgen: “Einfach froh, am Leben zu sein”


