Frankreich steht vor einem Experiment, das weit über seine Grenzen hinaus Aufmerksamkeit erhält: Eine Abgabe von 5,5 Cent für jedes Gigabyte, das digitale Anbieter an französische Internetnutzer ausliefern, soll große Technologiekonzerne stärker an den Kosten der digitalen Infrastruktur beteiligen. Hinter dem Vorstoß der Sozialisten steckt eine politisch einleuchtende Idee – doch ihre technische und wirtschaftliche Umsetzung könnte deutlich komplizierter werden als der knappe Parlamentsbeschluss vermuten lässt.
Der Antrag ist noch kein Gesetz. Er wurde als Änderung zum Haushaltsentwurf 2027 in erster Lesung angenommen, allerdings mit einer hauchdünnen Mehrheit von elf zu zehn Stimmen. Regierung und Haushaltsausschuss hatten sich zuvor dagegen ausgesprochen. Damit beginnt erst der eigentliche Kampf um eine Regel, die Streamingdienste, Social-Media-Plattformen, Cloud-Anbieter, Spieleplattformen und möglicherweise auch gemeinnützige Softwareprojekte treffen könnte.
Eine Steuer auf Bewegung, nicht auf Gewinn
Das Ungewöhnliche an dem französischen Modell ist der Maßstab: Nicht Umsatz, Gewinn, Werbung oder Nutzerzahlen sollen besteuert werden, sondern schlicht die Menge an Daten. Für jedes Gigabyte, das ein Anbieter an französische Endnutzer überträgt, wären 5,5 Cent fällig. Bei einem großen Streamingdienst, einer Videospiel-Plattform oder einem Cloud-Anbieter können daraus schnell enorme Summen entstehen.
Die Antragsteller rechnen mit bis zu zehn Milliarden Euro jährlich für den französischen Staat. Diese Zahl beruht auf der Annahme, dass ein erheblicher Teil des Datenverkehrs im Land von wenigen globalen Anbietern verursacht wird. Nach Angaben der französischen Telekommunikationsaufsicht ARCEP entfällt etwa die Hälfte des Datenverkehrs auf Google, Meta, Amazon, Netflix und den CDN-Anbieter Akamai. Insgesamt fließen laut dieser Schätzung rund 200 Milliarden Gigabyte pro Jahr über die Netze französischer Internetprovider.
Politisch zielt die Abgabe auf ein altes Missverhältnis: Digitale Konzerne erzielen in vielen Ländern enorme Erlöse, beschäftigen dort aber vergleichsweise wenige Menschen und zahlen teils wenig Steuern. Eine Datenmenge als Bemessungsgrundlage erscheint deshalb attraktiv, weil sie schwer zu vermeiden ist. Wer Filme, Spiele, Software oder Social-Media-Inhalte in Frankreich ausliefert, erzeugt messbaren Verkehr.
Doch genau darin liegt auch die Schwäche. Datenverkehr ist kein zuverlässiger Indikator für wirtschaftliche Macht. Ein gemeinnütziges Projekt kann riesige Datenmengen verteilen, ohne nennenswerte Einnahmen zu haben. Umgekehrt kann ein hochprofitables Unternehmen mit vergleichsweise geringem Datenvolumen arbeiten. Eine Steuer, die primär nach Gigabyte rechnet, belohnt daher nicht zwingend jene, die sie treffen soll.
Warum Frankreich einen symbolischen Schritt wagt
Für Frankreich ist der Vorstoß mehr als eine Haushaltsmaßnahme. Es ist ein politisches Signal an die großen Digitalplattformen: Der Staat will nicht länger akzeptieren, dass die Infrastrukturkosten des Internets weitgehend bei Telekommunikationsanbietern und Verbrauchern liegen, während globale Inhalteanbieter von diesem Netz profitieren.
Das Argument hat in Europa Tradition. Seit Jahren diskutieren Regierungen darüber, wie digitale Dienste fairer besteuert werden können. Frankreich hatte bereits eine nationale Digitalsteuer eingeführt, die vor allem große Plattformen mit hohen Werbeerlösen trifft. Die neue Gigabyte-Abgabe geht jedoch einen Schritt weiter: Sie will nicht nur Gewinne oder Werbung erfassen, sondern die tatsächliche Nutzung digitaler Infrastruktur.
Gleichzeitig passt der Antrag in eine breitere europäische Debatte über digitale Souveränität. Länder wie Frankreich deuschland und andere EU-Staaten fragen sich, wie stark sie von wenigen US-konzentrierten Plattformen abhängig sind – bei Cloud-Speicher, Künstlicher Intelligenz, Streaming, Werbung und digitaler Werbung. Eine nationale Datensteuer ist dabei auch ein Versuch, Verhandlungsmacht zurückzugewinnen.
Wie die Abgabe technisch funktionieren soll

Die Umsetzung wäre außergewöhnlich invasiv. Internetprovider müssten erfassen, welche Datenmengen von welchen Anbietern an französische Nutzer übertragen werden. Die Antragsteller betonen, dass keine Inhalte geprüft und keine personenbezogenen Daten gespeichert werden sollen. Erfasst werden solle nur das Volumen.
Trotzdem bleiben Fragen offen. Verbindungsdaten sind selten völlig anonym: IP-Adressen, Zeitpunkte, Verbindungsarten und Zugriffsprotokolle können Rückschlüsse auf das Nutzungsverhalten erlauben. Wenn Provider künftig detaillierte Verkehrsdaten für den Fiskus aufbereiten müssen, entsteht eine neue Form staatlicher Datenerfassung – selbst wenn die Absicht eine rein steuerliche ist.
Besonders heikel wird die Rolle von Content-Delivery-Netzwerken. Diese speichern Inhalte auf Servern nahe bei den Nutzern, damit Videos, Websites und Downloads schneller laden. Nach dem Antrag soll das Volumen gelten, das ein CDN an französische Nutzer ausliefert. Das klingt logisch, macht die Zuordnung aber nicht einfacher: Ein und derselbe Inhalt kann über verschiedene Netze, Rechenzentren und Zwischenspeicher laufen. Wer letztlich Steuerschuldner ist, hängt dann von technischen Details ab, die im Gesetzestext kaum präzise geregelt sind.
Die Obergrenze schützt nicht jeden
Um Extrembelastungen zu vermeiden, sieht der Antrag eine Deckelung vor. Die Steuer soll höchstens zwei Prozent des weltweiten Umsatzes eines Anbieters oder 15 Prozent seines in Frankreich erzielten Umsatzes betragen. Das klingt nach einem Schutzmechanismus, doch er löst das Kernproblem nicht.
Denn die Obergrenze bezieht sich auf Umsatz, nicht auf Gewinn. Ein Unternehmen mit geringen Margen, hohen Serverkosten oder einer gemeinnützigen Struktur kann dadurch trotzdem stark belastet werden. Gerade Open-Source-Projekte, Bildungsplattformen, Software-Verteiler und unabhängige Medien könnten unter einer pauschalen Datenabgabe leiden, obwohl sie keineswegs zu den globalen Gewinnmaschinen gehören, gegen die sich der Antrag richtet.
VideoLAN, die Organisation hinter dem kostenlosen VLC Media Player und wichtigen Videocodecs, hat genau dieses Problem öffentlich gemacht. Nach eigenen Angaben könnte die Abgabe mehr als eine Million Euro pro Jahr kosten. Das entspräche grob 18 Millionen Gigabyte französischem Datenverkehr. Für ein Non-Profit-Projekt, das kostenlose Software und technische Grundlagen bereitstellt, wäre eine solche Summe existenzbedrohend.
Warum der Fall VideoLAN so wichtig ist
Der Protest von VideoLAN zeigt eine blinde Stelle des Gesetzentwurfs: Er will große Tech-Konzerne treffen, definiert aber nicht klar, welche Unternehmen tatsächlich gemeint sind. Theoretisch könnte jede Organisation betroffen sein, die über IP-Adressen Inhalte ins Netz stellt. Damit wären nicht nur Netflix, Google oder Meta im Visier, sondern auch kleine Entwickler, Universitäten, Archive, Open-Source-Communities und unabhängige Dienste.
Das ist kein Randproblem. Das Internet lebt von einer breiten Mischung aus kommerziellen Plattformen, öffentlichen Institutionen, gemeinnützigen Projekten und kleinen Anbietern. Eine Steuer, die Datenmenge mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gleichsetzt, gefährdet genau jene Akteure, die keine großen Werbe- oder Abo-Einnahmen haben.
Ein Vertreter der Sozialisten hat bestritten, dass VideoLAN überhaupt betroffen sei. Doch diese Unklarheit ist selbst das Problem. Wenn selbst die Antragsteller nicht verlässlich sagen können, wer zahlen muss, fehlt der Regel eine der wichtigsten Voraussetzungen: Rechtssicherheit.
Was Streaming, Gaming und Cloud kosten würden
Rechnet man den Satz herunter, wird die Wirkung greifbar. Ein 100-Gigabyte-Spieledownload würde bei voller Weitergabe 5,50 Euro zusätzliche Abgabe verursachen. Ein zweistündiger 4K-Stream mit rund zehn Gigabyte Datenvolumen läge bei etwa 1,10 Euro. Das klingt für den einzelnen Nutzer zunächst moderat – doch bei Millionen von Abrufen entsteht ein massiver Kostendruck.
Die entscheidende Frage ist, wer die Steuer letztlich trägt. Formal sollen die Anbieter zahlen. Realistisch werden Streamingdienste, Spieleplattformen und Cloud-Anbieter ihre Preise anpassen, Abos verteuern, Werbeintervalle erhöhen oder Datenvolumen begrenzen. Auch wenn die Abgabe offiziell Unternehmen trifft, landet ein Teil davon sehr wahrscheinlich bei den Verbrauchern in Frankreich.
Besonders betroffen wären datenintensive Dienste: Videostreaming, Cloud-Gaming, Software-Updates, Backups, KI-Anwendungen und große Dateiübertragungen. Gerade diese Bereiche gelten aber als Zukunftsmärkte. Eine Abgabe, die Datenverkehr bestraft, könnte Innovationen bremsen, statt digitale Märkte fairer zu gestalten.
Ein Präzedenzfall für Europa
Sollte Frankreich die Abgabe tatsächlich durchsetzen, würde das weit über die nationale Steuerpolitik hinauswirken. Andere EU-Staaten könnten ein ähnliches Modell prüfen, insbesondere wenn die Einnahmen hoch ausfallen und politisch erfolgreich als „Fair-Share“-Abgabe kommuniziert werden.
Das hätte Konsequenzen für den europäischen Binnenmarkt. Ein Unternehmen müsste dann möglicherweise in jedem Mitgliedsstaat unterschiedliche Datensteuern, Meldepflichten und technische Erfassungsregeln beachten. Für kleine und mittlere Anbieter wäre das ein erheblicher Verwaltungsaufwand. Für globale Konzerne wäre es ein weiterer Grund, Investitionen, Serverstandorte und Produkte strategisch neu zu gewichten.
Zugleich könnte ein französisches Modell den Druck auf die EU erhöhen, eine einheitliche Lösung zu finden. Eine europaweite Regelung wäre für Unternehmen planbarer, aber politisch schwer durchsetzbar. Die Frage wäre dann nicht nur, ob große Plattformen mehr zahlen sollen, sondern wie eine Abgabe gestaltet werden muss, die Wirtschaftskraft, Datennutzung und Gemeinwohl fair verbindet.
Datenschutz als ungelöstes Problem
Die Datenschutzdebatte wird wahrscheinlich über die wirtschaftliche Frage entscheiden. Frankreich ist EU-Mitglied und unterliegt der Datenschutz-Grundverordnung. Eine anonymisierte Verkehrsmessung kann grundsätzlich zulässig sein, doch der Antrag lässt bisher viele Details offen: Welche Daten werden gespeichert, wie lange, wer hat Zugriff, wie werden sie geschützt und wie wird eine Rückverfolgung einzelner Nutzer ausgeschlossen?
Gerade weil Internetprovider eine zentrale Rolle spielen sollen, entsteht ein neues Machtgefüge. Sie würden nicht nur Verbindungsdienste bereitstellen, sondern auch als steuerliche Messstellen für den digitalen Verkehr fungieren. Das erfordert technische Systeme, klare rechtliche Grenzen und unabhängige Kontrolle. Ohne diese Sicherungen könnte Vertrauen in die Netzbetreiber leiden.
Noch ist nichts beschlossen
Trotz der Schlagzeilen sollte man nicht vorschnell von einem fertigen Gesetz sprechen. Der Beschluss der Nationalversammlung ist ein parlamentarischer Zwischenschritt. Die Regierung lehnt den Vorschlag ab, der Senat hat eine andere Mehrheit, und weitere Abstimmungen stehen noch aus. Die Datensteuer muss den gesamten Haushaltsprozess überstehen, bevor sie Rechtskraft erlangt.
Dennoch ist der Vorgang bedeutsam. Er zeigt, wie weit die Debatte über die Finanzierung digitaler Infrastruktur inzwischen reicht. Frankreich versucht, eine der zentralen Fragen des Internets neu zu beantworten: Wer soll zahlen, wenn Milliarden Menschen täglich Videos streamen, Spiele laden, in der Cloud arbeiten und soziale Netzwerke nutzen?
Die Antwort „die großen Plattformen“ klingt populär. Die schwierigere Frage lautet, ob eine pauschale Abgabe pro Gigabyte dabei fair, technisch machbar und europarechtlich tragfähig ist. Genau daran wird sich entscheiden, ob Frankreichs Vorstoß zum Vorbild wird – oder als warnendes Beispiel für eine zu grobe Digitalpolitik in die Geschichte eingeht.
Quellen
Frankreich plant Internetsteuer: 5,5 Cent pro Gigabyte
France Wants a 5.5-Cent-per-Gigabyte Tax on Netflix, Google and Meta


