Kerem Demirbay und die Frage nach Zugehörigkeit im deutschen Fußball

20/10/2026
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© 2026 IMAGO / ITAR-TASS

Kerem Demirbay hat mit einem emotionalen Rückblick eine Debatte ausgelöst, die weit über zwei Länderspiele hinausgeht. Der ehemalige deutsche Nationalspieler sagt, er habe ursprünglich für die Türkei spielen wollen, sich aber unter Umständen für Deutschland entschieden, die er bis heute nicht vollständig erklären könne. Seine zentrale These ist noch brisanter: Ein Türkei-Tattoo habe nach seinem Tor beim Confed Cup 2017 die Dynamik verändert und seine weitere Karriere im DFB-Trikot beendet.

Demirbay war 2017 unter Bundestrainer Joachim Löw zweimal im Kader. Er debütierte im Juni gegen Dänemark und stand wenig später im Aufgebot für den Confed Cup in Russland, den Deutschland gewann. Gegen Kamerun kam er zu seinem einzigen Turniereinsatz, traf beim 3:1-Sieg zur Führung – und glaubt, dass genau dieser Moment zum Wendepunkt wurde.

Ein Tattoo als politisches Symbol?

Kerem Demirbay trägt die Umrisse der Türkei, des Herkunftslandes seiner Eltern, auf dem Schulterblatt. Nach seiner Erinnerung wurde dieses Tattoo öffentlich wahrgenommen, nachdem er nach seinem Tor das Trikot abgelegt hatte. Daraus entwickelte sich seiner Darstellung nach eine mediale und verbandsinterne Debatte darüber, ob ein Spieler für Deutschland auflaufen könne, während er die Karte eines anderen Landes auf dem Körper trägt.

Die Behauptung ist natürlich nicht mit einem dokumentierten Beschluss gleichzusetzen. Es gibt bislang keine öffentliche Erklärung des DFB, die belegt, dass die Tätowierung ausschlaggebend für fehlende Nominierungen war. Dennoch ist Demirbays Schilderung politisch und gesellschaftlich relevant, weil sie einen Konflikt benennt, den der deutsche Fußball immer wieder durchlebt: Wie viel kulturelle Identität darf ein Nationalspieler zeigen, ohne dass sie als Widerspruch zur Zugehörigkeit zum Team interpretiert wird?

Für Demirbay ist die Antwort klar. Er beschreibt sich als Türke, weil seine Eltern türkisch sind, und sagt, sein größtes Bedauern sei, nie das Trikot der türkischen Nationalmannschaft getragen zu haben. Zugleich betont er, dass er Deutschland nie als sein Zuhause abgestritten hat – sondern dass sich für ihn zwei Identitäten nicht ausschließen müssen. Genau diese Nuance geht in der öffentlichen Reaktion oft verloren.

Warum die Aussagen so explosiv sind

Der Satz, er würde „nie wieder für Deutschland spielen“, selbst wenn eine Einladung käme, ist mehr als ein persönlicher Groll. Er ist eine Abrechnung mit einem System, das aus Sicht von Kerim Demirbay nicht nur sportliche Entscheidungen traf. Er spricht von Dingen, über die er nicht sprechen könne, und deutet damit an, dass seine Entscheidung für den DFB nicht frei von äußeren Einflüssen gewesen sei.

Das macht die Geschichte heikel. Ein Verband kann eine Nominierung immer mit sportlichen Gründen begründen: Konkurrenz, Form, Taktik, Altersstruktur. Im zentralen Mittelfeld war die Konkurrenz zur WM 2018 tatsächlich enorm. Toni Kroos, Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und Sami Khedira gehörten zu den etablierten Optionen. Ein 25-jähriger Demirbay hätte sich also auch ohne jede Kontroverse gegen starke Namen durchsetzen müssen.

Aber Sportentscheidungen sind selten nur sportlich. Sie entstehen in einem Umfeld aus Medienberichten, öffentlichen Erwartungen, Verbandskommunikation und der Frage, wie ein Spieler ins Bild der Nationalmannschaft passt. Wenn ein Spieler glaubt, dass seine Herkunft oder ein Symbol seiner Identität seine Chancen beeinflusst hat, dann ist das keine bloße Anekdote. Es ist ein Hinweis darauf, wie empfindlich das Verhältnis zwischen Migration, nationaler Repräsentation und Fußball bleibt.

Die doppelte Loyalität im Fokus

Der Fall Kerem Demirbay zeigt ein Grundproblem der deutschen Nationalmannschaft: Spieler mit Migrationsgeschichte werden häufig an Maßstäben gemessen, die für Spieler ohne solche Biografie kaum sichtbar sind. Ein Tattoo, ein Familienname, eine Sprache oder ein politisches Statement können schnell als „Erklärung“ für eine Entscheidung herhalten – auch wenn die tatsächlichen Gründe sportlich sein mögen.

Demirbay wurde in Herten geboren, wuchs in Deutschland auf und spielte seine Karriere überwiegend in der Bundesliga. Dass er sich zugleich stark mit der Türkei verbunden fühlt, ist keine Widersprüchlichkeit, sondern die Realität vieler Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Der deutsche Fußball hat diese Vielfalt sportlich längst genutzt; kulturell und emotional ist der Umgang damit jedoch weiterhin komplizierter.

Interessant ist auch, dass Demirbay seine Haltung nicht immer so eindeutig formuliert hat. Anfang 2025 sagte er in einem anderen Interview, er stehe zu seinen Entscheidungen, wünsche sich aber dennoch mehr Einsätze für Deutschland. Gleichzeitig beschrieb er die Atmosphäre in türkischen Stadien als besonders emotional und räumte ein, dass er mit diesem Wissen heute möglicherweise anders entscheiden würde.

Diese Entwicklung macht seine aktuellen Aussagen glaubwürdiger, weil sie nicht wie eine spontane Provokation wirken. Es klingt eher wie die Bilanz eines Spielers, der mit Anfang dreißig versteht, was ihm entgangen ist: nicht nur Titel oder Einsätze, sondern ein Gefühl der vollständigen Zugehörigkeit.

Was sportlich gegen eine längere DFB-Karriere sprach

Man sollte Demirbays Vorwurf ernst nehmen, ohne ihn vorschnell als alleinige Wahrheit zu behandeln. Seine Karriere verlief keineswegs geradlinig genug, um eine dauerhafte DFB-Nominierung als selbstverständlich anzusehen. Nach starken Jahren bei Hoffenheim folgten Wechsel, Verletzungen und Phasen, in denen er nicht konstant auf dem Niveau der absoluten Nationalmannschafts-Stammspieler agierte.

Dennoch passt die Erzählung zu einem Muster: Demirbay hatte 2017 einen echten Aufschwung, erzielte ein Tor für Deutschland und gehörte zu einem Titelteam. Danach folgte keine weitere Nominierung. Für einen Spieler, der sich im Aufwind fühlte, ist dieser Bruch verständlicherweise schwer zu akzeptieren.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wurde Demirbay wegen seines Tattoos ignoriert? Sondern auch: Hätte der DFB damals offener kommunizieren müssen, warum ein Spieler nach einem erfolgreichen Turnierauftritt nicht weiter berücksichtigt wurde? Transparenz hätte zumindest verhindern können, dass aus einem sportlichen Selektionsprozess im Nachhinein ein Gefühl von Ausgrenzung entsteht.

Was der Fall für die Zukunft bedeutet

Die Aussagen von Kerem Demirbay könnten den Druck auf Verbände erhöhen, Identität nicht nur zu feiern, wenn sie bequem ist. Deutschland profitiert seit Jahrzehnten von Spielern mit familiären Wurzeln in der Türkei, Italien, Polen, Afrika, dem Nahen Osten und vielen anderen Regionen. Doch Zugehörigkeit darf nicht daran gemessen werden, wie wenig ein Spieler nach außen an seine zweite Identität erinnert.

Für den DFB bedeutet der Fall eine Chance zur Selbstprüfung. Nicht unbedingt, weil jeder Vorwurf automatisch bewiesen ist, sondern weil die Wahrnehmung von Spielern zählt. Wenn talentierte Spieler mit Migrationsgeschichte das Gefühl haben, bestimmte Symbole oder Erinnerungen müssten sie verstecken, dann verliert ein Verband Vertrauen – unabhängig davon, ob eine konkrete Entscheidung objektiv diskriminierend war.

Für die Türkei ist die Geschichte zugleich eine Erinnerung daran, wie wichtig klare Kommunikation im Umgang mit Doppelstaatlern ist. Demirbay sagt, er habe den türkischen Verband anderthalb Jahre lang um eine Chance gebeten. Ob es an internen Entscheidungen, sportlichen Bewertungen oder anderen Umständen lag: Ein früheres, eindeutiges Gespräch hätte vielleicht eine andere Karriere ermöglicht.

Eine Bilanz ohne einfache Schuldigen

Kerem Demirbay lief nur zweimal für Deutschland auf, aber seine Geschichte berührt eine viel größere Frage: Wer darf ein Nationaltrikot tragen, ohne seine gesamte Identität dafür abgeben zu müssen? Seine Antwort ist unmissverständlich. Er fühlt sich türkisch, bereut die Entscheidung für den DFB und würde heute nicht mehr für Deutschland spielen.

Die wahre Lehre liegt jedoch nicht in einem einzelnen Tattoo oder einer einzelnen Nominierung. Sie liegt darin, dass Fußballverbände Zugehörigkeit nicht definieren dürfen, indem sie kulturelle Vielfalt nur akzeptieren, solange sie unsichtbar bleibt. Demirbay hat mit seinen Worten eine alte Wunde sichtbar gemacht – und gezeigt, dass die Frage „Für wen spielst du?“ für manche Spieler nie nur eine sportliche Entscheidung war.

Quellen

“Ich würde nie wieder für Deutschland spielen”
“Ich würde nie wieder für Deutschland spielen!” Ehemaliger DFB-Kicker äußert brisante Verschwörungstheorie

Lea Hoffmann

Lea Hoffmann

Ich bin Lea Hoffmann, leidenschaftliche Redakteurin bei Investorbit.de. Mit Begeisterung verfolge ich täglich die spannendsten Wirtschaftstrends. Mein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich und frisch zu präsentieren. Ich liebe es, Leserinnen und Leser mit aktuellen News zu begeistern!

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