Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat angesichts zunehmender antisemitischer Vorfälle und gesellschaftlicher Polarisierung zu einem »neuen Aufstand der Anständigen« aufgerufen. In einem aktuellen Interview betonte Schuster, dass die Zivilgesellschaft gefordert sei, sich offen gegen Judenhass, Extremismus und demokratiefeindliche Tendenzen zu stellen.
Seine Wortwahl erinnert bewusst an den Appell des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder aus dem Jahr 2000, als dieser nach einer Reihe rechtsextremer Anschläge zu einem ähnlichen Aufstand aufrief. Heute, so Schuster, stehe Deutschland erneut an einem Punkt, an dem klare Haltung und aktives Engagement notwendig seien.
Warnung vor gesellschaftlicher Gleichgültigkeit
Schuster zeigte sich besorgt über die wachsende Akzeptanz antisemitischer und extremistischer Positionen in sozialen Medien. Diese Tendenzen würden, so der Zentralratspräsident, durch Desinformation und digitale Netzwerke verstärkt. Besonders die Normalisierung von Hetze im Internet gefährde das gesellschaftliche Klima und das Vertrauen in demokratische Institutionen.
Er appellierte daher an die Zivilgesellschaft, insbesondere an Schulen, Vereine und Kommunen, präventiv tätig zu werden: „Es geht nicht nur darum, Antisemitismus zu verurteilen, sondern aktiv Solidarität zu zeigen und Werte wie Respekt und Verantwortung zu stärken.“
Verantwortung der Politik und der Medien
Neben der Bevölkerung sieht Schuster auch Politik und Medien in der Pflicht. Parteien müssten Extremismus entschiedener entgegentreten, statt populistische Strömungen aus wahltaktischen Gründen zu dulden. Medien wiederum hätten die Aufgabe, differenziert zu berichten und antisemitische oder rassistische Narrative nicht unbeabsichtigt zu verstärken.
Zugleich betonte Schuster die Bedeutung transparenter Kommunikation: Nur durch Aufklärung und offene Debatten könne eine demokratische Gesellschaft Vertrauen zurückgewinnen und Spaltungen überwinden.
Hintergrund: Zunahme antisemitischer Vorfälle
Laut Daten des Bundeskriminalamts (BKA) und des Bundesinnenministeriums (BMI) ist die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland 2025 erneut gestiegen. Besonders häufig wurden judenfeindliche Inhalte in Online-Netzwerken verbreitet. Organisationen wie die Amadeu Antonio Stiftung und der Zentralrat der Juden warnen daher seit Monaten vor einer gefährlichen gesellschaftlichen Verschiebung nach rechts.
Schusters Appell richtet sich somit nicht nur an politische Entscheidungsträger, sondern an die gesamte Gesellschaft: „Wir brauchen ein gemeinsames Bekenntnis gegen Hass und für Menschlichkeit.“
Quellen
Zentralratspräsident Schuster hofft auf »neuen Aufstand der Anständigen«
Amadeu Antonio Stiftung: Monitoring-Bericht zu Antisemitismus in sozialen Medien