Brandenburg erlebt eine politische Verschiebung, die weit über den Abstand zwischen AfD und SPD hinausgeht: Eine neue Insa-Umfrage sieht die AfD bei 40 Prozent, während die SPD von Ministerpräsident Dietmar Woidke auf 20 Prozent kommt. Zugleich fällt die CDU auf neun Prozent. Die Zahlen sind kein Wahlergebnis und keine sichere Vorhersage – aber sie zeigen, wie groß die Unzufriedenheit mit der Landespolitik geworden ist und wie schwierig künftige Mehrheitsbildungen werden könnten.
Ein Warnsignal für die Regierungsparteien
Die Erhebung wurde zwischen dem 29. September und dem 6. Oktober 2026 unter 1.000 Wahlberechtigten durchgeführt. Gegenüber der Insa-Umfrage vom März legt die AfD um sechs Prozentpunkte zu. Die SPD verliert vier Punkte, die CDU sogar fünf. Linke und CDU erreichen jeweils neun Prozent; Grüne und BSW liegen bei jeweils sieben Prozent. Acht Prozent entfallen auf sonstige Parteien, die einzeln unter der Fünf-Prozent-Hürde bleiben. Die angegebene maximale Fehlertoleranz beträgt 3,1 Prozentpunkte.
Der Abstand ist die auffälligste Zahl – doch politisch mindestens ebenso wichtig ist die Entwicklung der Regierungsparteien. SPD und CDU kommen zusammen nur auf 29 Prozent. Selbst wenn die Linke, die Grünen und das BSW hinzukämen, wäre ein breites Bündnis nötig, um eine Mehrheit ohne AfD zu bilden. Rechnerische Mehrheiten auf Basis einer Umfrage sind allerdings nicht mit politisch realistischen Koalitionen gleichzusetzen: Parteien können trotz passender Zahlen gemeinsame Regierungsarbeit ausschließen oder an unvereinbaren Positionen scheitern.
Für Brandenburg ist das deshalb kein bloßer Wettbewerb um den ersten Platz. Die Umfrage stellt die Frage, ob die bisherige politische Mitte noch genügend Unterstützung mobilisieren kann, um eine stabile Regierung zu tragen – und ob sie dafür ein Bündnis formen könnte, das über die nächste Wahl hinaus handlungsfähig wäre.
Vom knappen Rennen zum großen Abstand
Bei der Landtagswahl im September 2024 lag die SPD mit 30,9 Prozent knapp vor der AfD mit 29,2 Prozent. Das BSW erreichte damals 13,5 Prozent, die CDU 12,1 Prozent. Die jetzige Umfrage zeigt damit ein deutlich anderes Bild: Die AfD liegt weit über ihrem damaligen Wahlergebnis, während die SPD deutlich darunter steht. Auch das BSW ist gegenüber seinem Wahlergebnis 2024 in der Erhebung erheblich schwächer.
Der Vergleich macht den politischen Wandel greifbar, aber er verlangt Vorsicht. Eine Umfrage misst die Antworten einer begrenzten Zahl von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie sagt nicht, wie dieselben Menschen am Wahltag abstimmen werden. Wahlentscheidungen können sich ändern, und die statistische Unsicherheit ist bei kleinen Parteien besonders relevant: Ein Wert von sieben oder neun Prozent lässt sich nicht mit derselben Gewissheit als stabiler Zustand lesen wie eine tatsächlich ausgezählte Wahl.
Dennoch sind Umfragen mehr als ein kurzfristiges Stimmungsbarometer. Wenn eine Partei über Monate stark abschneidet, während mehrere etablierte Kräfte verlieren, wird das für die anderen Parteien zu einer strategischen Herausforderung. Sie müssen erklären, warum ihre Politik für die Menschen noch einen Unterschied macht – und überzeugend zeigen, wie sie konkrete Probleme lösen wollen.
Was der AfD-Aufstieg signalisiert
Ein Wert von 40 Prozent bedeutet nicht automatisch, dass vier von zehn Brandenburgerinnen und Brandenburgern dieselben Motive haben. Wählerinnen und Wähler können aus Überzeugung, Protest, Enttäuschung über die Regierung oder wegen einzelner Themen für eine Partei votieren. Die Zahl allein verrät nicht, welche dieser Gründe ausschlaggebend sind. Gerade deshalb wäre es zu einfach, den Aufstieg ausschließlich mit einer einzigen Streitfrage oder mit allgemeinem „Protest“ zu erklären.
Für die konkurrierenden Parteien liegt eine zentrale Aufgabe darin, genauer hinzusehen: Welche Anliegen erreichen die Menschen im Alltag? Wo entsteht der Eindruck, dass Entscheidungen an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen? Und welche Versprechen wirken glaubwürdig, weil sie mit nachvollziehbaren Maßnahmen und Zeitplänen verbunden sind? Wer die Ursachen nur moralisch bewertet, ohne die konkreten Sorgen zu verstehen, wird den politischen Abstand kaum verringern.
In der aktuellen Erhebung sind zudem viele Befragte mit der Arbeit der Landesregierung unzufrieden: 67 Prozent äußerten laut der veröffentlichten Umfrage entsprechende Kritik. Das ist ein wichtiger Hinweis, aber keine vollständige Erklärung für das Abschneiden einzelner Parteien. Unzufriedenheit kann sich gegen eine Regierung richten, ohne dass alle Kritikerinnen und Kritiker dieselbe politische Alternative bevorzugen.
Für die Landespolitik in Brandenburg kommt hinzu, dass Erwartungen häufig an sehr konkrete Erfahrungen gebunden sind: an öffentliche Dienstleistungen, wirtschaftliche Perspektiven, Sicherheit, Infrastruktur und das Gefühl, von politischen Entscheidungen ernst genommen zu werden. Eine Partei kann bei diesen Themen profitieren, wenn sie als verständliche und entschlossene Stimme wahrgenommen wird. Die Regierung wiederum kann Vertrauen nicht allein mit Verweisen auf bereits Erreichtes zurückgewinnen; sie muss deutlich machen, was sich als Nächstes ändert und woran sich Fortschritt messen lässt.
Die Koalitionsarithmetik wird komplizierter
Sollten sich die Umfragewerte in einem Wahlergebnis annähernd widerspiegeln, wäre die Regierungsbildung im Landtag anspruchsvoll. SPD und CDU wären gemeinsam weit von einer Mehrheit entfernt. Um ohne die AfD eine parlamentarische Mehrheit zu erreichen, müssten laut den berichteten Berechnungen neben den Regierungsparteien auch Linke, Grüne und BSW einbezogen werden. Ein solches Fünferbündnis wäre rechnerisch eine Option, politisch aber eine erhebliche Belastungsprobe: Je mehr Parteien an einer Regierung beteiligt sind, desto schwieriger kann es werden, Prioritäten zu vereinbaren und Konflikte zu moderieren.
Auf der anderen Seite kann eine rechnerisch ausreichende Summe ebenfalls täuschen. Dass AfD und BSW in der Umfrage zusammen auf 47 Prozent kommen, bedeutet nicht, dass daraus automatisch eine Koalition entstehen würde. Die Parteien können eine Zusammenarbeit ablehnen; zudem entscheidet die spätere Sitzverteilung, nicht die Addition von Umfragewerten allein. Die Gleichung „gemeinsamer Stimmenanteil gleich gemeinsame Regierung“ wäre daher irreführend.
Die Herausforderung besteht darin, Koalitionen nicht nur zu zählen, sondern ihre politische Tragfähigkeit zu prüfen. Ein Bündnis benötigt gemeinsame Vorhaben, belastbare Kompromisse und genügend Vertrauen, um auch bei Streit handlungsfähig zu bleiben. In einem fragmentierten Landtag könnte jede Regierungsbildung Verhandlungen über Grundsatzfragen erfordern – von der Ausrichtung der Landespolitik bis zur Frage, welche Forderungen der beteiligten Parteien tatsächlich umgesetzt werden.
Warum die CDU besonders unter Druck steht
Mit neun Prozent erreicht die CDU in der Umfrage einen deutlich niedrigeren Wert als bei der Landtagswahl 2024. Für eine Regierungspartei ist das eine doppelte Herausforderung: Sie muss ihre Arbeit in der Koalition vertreten und zugleich erklären, wofür sie eigenständig steht. Wenn eine Partei für Wählerinnen und Wähler vor allem als Teil einer Regierung sichtbar ist, aber kein klar unterscheidbares Profil vermittelt, kann sie zwischen größeren politischen Angeboten an Aufmerksamkeit verlieren.
Auch die SPD steht vor einem Vertrauensproblem. Ihre 20 Prozent liegen zwar deutlich über den Werten der CDU, doch die Partei ist nur halb so stark wie die AfD. Für Dietmar Woidke bedeutet das: Bekanntheit und Amtsbonus reichen offenbar nicht automatisch aus, um die Unterstützung zu sichern. Die Partei muss zeigen, welche Entscheidungen im Land tatsächlich unter ihrer Verantwortung stehen und welche Verbesserungen Bürgerinnen und Bürger erwarten können.
Dass Linke und Grüne in der Umfrage zulegen, während das BSW gegenüber März leicht verliert, verweist zugleich auf eine bewegliche Parteienlandschaft. Keine der kleineren Parteien liegt weit genug vorne, um die politische Dynamik allein zu bestimmen. Aber sie könnten für Mehrheiten entscheidend werden – und damit mehr Einfluss auf Koalitionsverhandlungen gewinnen, als ihre Einzelwerte zunächst vermuten lassen.
Zwischen Umfrage und nächster Wahl
Die nächste reguläre Landtagswahl in Brandenburg ist für den Herbst 2029 vorgesehen. Bis dahin kann sich die politische Lage mehrfach verändern: durch Entscheidungen der Landesregierung, neue Konflikte auf Bundesebene, wirtschaftliche Entwicklungen und die Kampagnen der Parteien. Die Umfrage sollte deshalb weder als feststehender Ausgang noch als bedeutungslos abgetan werden. Sie ist vor allem ein deutliches Signal dafür, dass die gegenwärtige Unterstützung für die Regierungsparteien nicht selbstverständlich ist.
Für die kommenden Jahre dürfte entscheidend sein, ob die Landesregierung sichtbare Antworten auf die Unzufriedenheit liefert und ob die Parteien ihre politischen Angebote verständlicher vermitteln. Zugleich wird der Umgang mit der AfD die strategischen Entscheidungen der anderen Kräfte prägen. Eine bloße Abgrenzung löst weder Sachprobleme noch erklärt sie, warum Menschen ihre Unterstützung verlagern. Umgekehrt genügt es nicht, auf kurzfristige Umfrageverluste mit einzelnen Ankündigungen zu reagieren, wenn das Vertrauen in die politische Problemlösung insgesamt geschwächt ist.
Die 40 Prozent markieren daher vor allem eine Bewährungsprobe: für SPD und CDU in der Regierung, für die kleineren Parteien als mögliche Mehrheitsbeschaffer und für das politische System des Landes insgesamt. Ob daraus bei der nächsten Wahl tatsächlich ein ähnliches Ergebnis wird, bleibt offen. Dass Brandenburg schon jetzt über Regierungsfähigkeit, Vertrauen und die Ursachen politischer Unzufriedenheit diskutieren muss, lässt sich aus der Umfrage jedoch kaum wegdeuten.
Quellen
Umfrage: AfD in Brandenburg bei 40 Prozent – CDU einstellig
Alle Wahlen von 1946 bis 2026


