Kiel steht vor einem wichtigen Schritt in der digitalen Neuordnung der Landesverwaltung: In der Staatskanzlei arbeiten inzwischen mehr als 200 Beschäftigte mit Linux statt mit Microsoft Windows. Der Wechsel ist weitgehend abgeschlossen, doch rund 20 Arbeitsplätze bleiben vorerst unter Windows, weil bestimmte Fachverfahren noch nicht kompatibel sind.
Warum Kiel mehr als nur das Betriebssystem wechselt
Auf den ersten Blick wirkt der Wechsel von Windows zu Linux wie ein klassisches IT-Projekt. Tatsächlich geht es in Kiel jedoch um eine deutlich größere Frage: Wer kontrolliert die digitale Infrastruktur eines Staates?
Mit der Entscheidung für Linux reduziert Schleswig-Holstein seine Abhängigkeit von einem einzelnen internationalen Softwareanbieter. Das Land erhält mehr Einfluss auf die technische Gestaltung seiner Arbeitsplätze, kann offene Schnittstellen stärker nutzen und ist weniger unmittelbar von Lizenzmodellen, Produktzyklen oder strategischen Entscheidungen eines Konzerns abhängig.
Diese sogenannte digitale Souveränität bedeutet nicht, dass öffentliche Stellen vollständig unabhängig von internationalen Technologieunternehmen werden. Moderne Verwaltungen benötigen weiterhin Hardware, Cloud-Dienste, Sicherheitslösungen und spezialisierte Software. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr darin, ob eine Behörde ihre Systeme austauschen, anpassen und weiterentwickeln kann, ohne an geschlossene Plattformen gebunden zu sein.
Für Kiel ist Linux deshalb kein Selbstzweck. Das Betriebssystem ist ein Baustein in einer langfristigen Strategie, die den gesamten digitalen Arbeitsplatz der Landesverwaltung betrifft.
200 Arbeitsplätze migriert, 20 bleiben vorerst
In der Kieler Staatskanzlei arbeiten nach Angaben des Landes inzwischen mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Linux. Damit ist die Umstellung dort nahezu abgeschlossen, soweit die technischen Voraussetzungen dies erlauben.
Rund 20 Rechner laufen weiterhin mit Windows. Der Grund sind nicht fehlende Bereitschaft oder grundsätzliche Vorbehalte gegenüber Open Source, sondern bestehende Abhängigkeiten von speziellen Fachanwendungen. Solche Programme werden häufig nur für Windows entwickelt oder greifen auf Schnittstellen zurück, die unter Linux nicht ohne Weiteres verfügbar sind.
Gerade dieser Punkt zeigt, wie komplex eine Verwaltungsmodernisierung ist. Ein Büroarbeitsplatz besteht nicht nur aus einem Betriebssystem und einem Textprogramm. Dahinter stehen Fachverfahren, Authentifizierung, Drucksysteme, Archivlösungen, Datenbanken, Signaturdienste und Schnittstellen zu anderen Behörden.
Ein vollständiger Wechsel kann daher erst gelingen, wenn die gesamte Prozesskette berücksichtigt wird. Wird lediglich das Betriebssystem ersetzt, ohne die Fachverfahren einzubeziehen, drohen Ausfälle, Medienbrüche oder zusätzliche Kosten. Dass Kiel die verbleibenden Windows-Arbeitsplätze offen benennt, spricht eher für einen realistischen als für einen rein politischen Umgang mit dem Projekt.
Der Wechsel begann nicht bei Linux
Die Umstellung der Staatskanzlei steht am Ende einer längeren Entwicklung. Schleswig-Holstein hat bereits mehrere zentrale Komponenten seiner Verwaltungs-IT durch offene Alternativen ersetzt.
Dazu gehört die Bürosoftware LibreOffice. Auch die E-Mail-Infrastruktur wurde von Microsoft Exchange und Outlook auf Open-Xchange umgestellt. Für Videokonferenzen setzt das Land auf OpenTalk. Damit wurde nicht nur ein einzelnes Programm ausgetauscht; vielmehr wurden wichtige Kommunikations- und Arbeitsprozesse neu organisiert.
Der Linux-Wechsel ist deshalb vor allem der nächste logische Schritt. Ein offenes Büroprogramm auf einem vollständig proprietären Arbeitsplatz hätte die Abhängigkeit nur teilweise reduziert. Erst das Zusammenspiel aus Betriebssystem, Anwendungen, Dateiformaten und Kommunikationsdiensten schafft eine konsistente offene Arbeitsumgebung.
Als nächste Etappen sind unter anderem Nextcloud für die Zusammenarbeit, Univention Nubus für Verzeichnis- und Identitätsdienste sowie die offene Telefonielösung OSKAR vorgesehen. Die technische Herausforderung besteht nun darin, diese Komponenten zuverlässig miteinander zu verbinden.
Mitarbeitende entscheiden über den Erfolg
Bei großen IT-Projekten wird häufig über Software, Hardware und Budgets gesprochen. Im Alltag entscheidet jedoch vor allem die Akzeptanz der Beschäftigten darüber, ob eine Migration funktioniert.
Das Land hat deshalb Schulungen, Informationsveranstaltungen, Lernvideos und direkte Unterstützung am Arbeitsplatz eingesetzt. Zusätzlich wurden interne Linux-Foren eingerichtet, in denen Fragen geklärt und Erfahrungen ausgetauscht werden konnten.
Diese Begleitung ist besonders wichtig, weil ein Wechsel zu Linux nicht zwangsläufig wie ein gewöhnliches Update aussieht. Menüs, Programme, Dateiverwaltung und Arbeitsabläufe können sich verändern. Selbst Aufgaben, die technisch weiterhin möglich sind, können für Beschäftigte zunächst ungewohnt sein.
Ein erfolgreicher Arbeitsplatzwechsel muss daher nicht nur die Frage beantworten, ob eine Anwendung funktioniert. Er muss auch klären, wie schnell Mitarbeiter ihre Aufgaben erledigen können, welche Unterstützung sie benötigen und ob zentrale Prozesse verständlich dokumentiert sind.
Für Kiel hat die Staatskanzlei dabei die Funktion eines Testfeldes. Erfahrungen aus dem Projekt können später genutzt werden, um Schulungen, Support und technische Standards für Ministerien und nachgeordnete Behörden zu verbessern.
Support entscheidet über die Skalierung
Ein Pilotprojekt kann mit besonders engagierten Mitarbeitern und individueller Betreuung funktionieren. Eine landesweite Einführung benötigt dagegen standardisierte Abläufe und professionellen technischen Support.
Schleswig-Holstein hat deshalb den Linux-Support an den öffentlichen IT-Dienstleister Dataport und das deutsche Open-Source-Unternehmen Gonicus vergeben. Diese Zusammenarbeit soll den laufenden Betrieb absichern und die Grundlage für eine spätere Ausweitung auf weitere Behörden schaffen.
Die Bedeutung dieses Vertrags wird leicht unterschätzt. Bei Tausenden Arbeitsplätzen müssen Updates, Sicherheitsrichtlinien, Benutzerkonten, Treiber, Drucker, Softwarepakete und Notfallprozesse zentral verwaltet werden. Auch die Frage, wer bei Störungen verantwortlich ist, muss eindeutig geklärt sein.
Open Source bedeutet nicht, dass IT-Leistungen kostenlos sind. Lizenzkosten können sinken, doch Planung, Integration, Schulung, Wartung und Support bleiben notwendig. Der Vorteil liegt darin, dass diese Leistungen stärker von mehreren Anbietern erbracht werden können und Behörden nicht zwangsläufig an einen einzigen Hersteller gebunden sind.
Gerade für die weitere Entwicklung in Kiel und Schleswig-Holstein wird entscheidend sein, ob sich die offene Plattform wirtschaftlich und organisatorisch dauerhaft betreiben lässt.
Digitale Souveränität braucht offene Standards
Der eigentliche strategische Vorteil liegt nicht allein darin, dass Linux-Quellcode öffentlich zugänglich ist. Entscheidend sind offene Standards und die Möglichkeit, Daten und Arbeitsabläufe langfristig nutzbar zu halten.
Wenn Dokumente in offenen Formaten gespeichert werden, kann eine Behörde sie grundsätzlich auch mit anderer Software bearbeiten. Bei proprietären Formaten besteht dagegen das Risiko, dass Funktionen, Zugriffsrechte oder Kompatibilität an einen bestimmten Anbieter gebunden bleiben.
Dass Schleswig-Holstein parallel auf LibreOffice, Open-Xchange, OpenTalk und weitere offene Lösungen setzt, zeigt den Versuch, eine solche Abhängigkeit auf mehreren Ebenen zu verringern. Die Verwaltung soll nicht nur ein anderes Programm verwenden, sondern ihre digitale Architektur flexibler gestalten.
Das kann auch die öffentliche Beschaffung verändern. Behörden könnten künftig stärker darauf achten, ob Software offene Schnittstellen bietet, Daten exportierbar sind und mehrere Dienstleister für Betrieb und Weiterentwicklung infrage kommen.
Vorbild für andere Behörden?
Der Schritt der Kieler Staatskanzlei dürfte über Schleswig-Holstein hinaus beobachtet werden. Viele Verwaltungen stehen vor ähnlichen Problemen: steigende Lizenzkosten, Abhängigkeit von Cloud-Plattformen, Sicherheitsanforderungen und die Frage, wie sensible Verwaltungsdaten verarbeitet werden.
Ein erfolgreicher Linux-Arbeitsplatz in Kiel beweist allerdings nicht automatisch, dass jede Kommune oder jedes Ministerium sofort wechseln kann. Die Voraussetzungen unterscheiden sich erheblich. Eine kleine Gemeinde verfügt möglicherweise nicht über eigenes IT-Personal, während eine Landesverwaltung auf zentrale Dienstleister zurückgreifen kann.
Auch die vorhandenen Fachverfahren spielen eine entscheidende Rolle. Solange wichtige Anwendungen nur unter Windows funktionieren, bleibt eine vollständige Migration schwierig. Der langfristige Fortschritt hängt deshalb nicht nur von den Behörden ab, sondern auch von den Herstellern der Verwaltungssoftware.
Für andere öffentliche Stellen liefert Kiel dennoch wichtige Erkenntnisse. Die Stadt beziehungsweise die Landesregierung zeigt, dass eine Umstellung schrittweise möglich ist: zunächst bei Bürosoftware und Kommunikation, anschließend bei Betriebssystemen und weiteren Plattformdiensten.
Was als Nächstes zählt
Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die geplante Ausweitung auf weitere Ministerien und Landesbehörden. Der erste Erfolg muss sich im laufenden Betrieb bestätigen. Dazu gehören stabile Systeme, kurze Reaktionszeiten bei Problemen und eine messbare Entlastung der Beschäftigten.
Besonders anspruchsvoll wird die Integration der noch nicht migrierten Fachverfahren. Eine parallele Windows-Linux-Landschaft kann zunächst sinnvoll sein, erhöht aber auch den Aufwand für Administration, Sicherheitsupdates und Support. Die Übergangsphase darf daher nicht dauerhaft zum Normalzustand werden.
Zudem muss das Land regelmäßig überprüfen, ob die erwarteten Vorteile tatsächlich eintreten. Dazu zählen geringere Herstellerabhängigkeit, bessere Kontrolle über Daten, langfristig planbare Betriebskosten und eine höhere Flexibilität bei der Auswahl von Dienstleistern.
Der Linux-Wechsel in Kiel ist damit kein fertiger Endpunkt, sondern ein Belastungstest für die Open-Source-Strategie Schleswig-Holsteins. Wenn die Verwaltung die technischen Abhängigkeiten weiter abbaut und gleichzeitig ihre Beschäftigten dauerhaft unterstützt, könnte aus dem Projekt ein Modell für eine souveränere digitale Verwaltung werden. Die Richtung ist gesetzt: Nicht die Abkehr von moderner Technologie steht im Mittelpunkt, sondern der Versuch, ihre Regeln stärker selbst mitzubestimmen.
Quellen
Nachfolger von Windows: Staatskanzlei Kiel stellt auf Linux um
Schleswig-Holstein treibt Linux-Wechsel weiter voran


