In den letzten Jahren mehren sich Hinweise darauf, dass Teile der bangladeschischen Jugend eine zunehmend kritische, teils feindselige Haltung gegenüber Indien entwickeln. Noch vor einigen Jahren galt die Beziehung zwischen Bangladesch und Indien als ein Modell der Nachbarschafts‑Diplomatie; heute wird sie von vielen jungen Menschen als ungerecht, ungleich und von „Hegemonie“ geprägt wahrgenommen. Insbesondere soziale Medien und Campus‑Proteste tragen dazu bei, dass sich solche Stimmungen schnell verbreiten und politisch aufgeladen werden.
Von Verbündeten zu vermeintlichem Hegemon
Indien spielte eine entscheidende Rolle bei der Unabhängigkeit Bangladeschs 1971; die Unterstützung Indiens während und nach dem Befreiungskrieg wurde damals weithin positiv gesehen. Zwar blieben immer wieder Spannungspunkte wie Wasser‑Sharing‑Konflikte, Handelsungleichgewichte oder Grenz‑Vorfälle präsent, doch lange Zeit überwogen die gemeinsamen Interessen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Wahrnehmung bei jüngeren Generationen jedoch verschoben: Die Ära der Awami‑League‑Regierung unter Sheikh Hasina, die Indien als strategischen Partner preist, wird von vielen Jugendlichen als Zeichen einer zu starken Abhängigkeit von Delhi gedeutet.
Politische Enttäuschung und „Dhaka, nicht Delhi“
Die Empörung vieler junger Bangladescher richtet sich weniger gegen Indien als solches, sondern gegen die Rolle Neu‑Delhis im politischen Schicksal ihres Landes. So wird die Wahrnehmung verbreitet, Indien habe die Hasina‑Regierung ohne ausreichende Demokratiekontrolle gestützt und damit zu einem Abbau der demokratischen Freiheiten beigetragen. Nach dem Sturz Hasinas im Jahr 2025 und ihrer Aufnahme in Delhi wurde aus Sicht vieler Bangladescher der Eindruck verstärkt, Indien wolle das politische Geschehen in Dhaka weiterhin beeinflussen. Slogans wie „Dhaka, nicht Delhi“ an Universitäten und auf Graffitis symbolisieren, dass eine ganze Generation ihr eigenes Land vom indischen Einfluss „befreien“ will.
Ökonomische und grenznahe Konflikte
Ein weiterer Motor der Anti‑Indien‑Stimmung ist die wirtschaftliche Balance der Beziehung. Viele junge Bangladescher sehen ein Handelsdefizit zugunsten Indiens, langlebige Wasser‑Konflikte etwa am Teesta‑Fluss und ungelöste Probleme der Grenzsicherheit, darunter wiederholt vorkommende Todesfälle durch indische Sicherheitskräfte an der Grenze. Dass diese Themen über Jahre hinweg politisch nicht ausreichend angegangen wurden, wird als Zeichen dafür gelesen, dass die Regierung Bangladesch ihre nationalen Interessen zugunsten des indischen Partners opfert. Für eine urbane, gut vernetzte Jugend verstärkt sich so das Gefühl, dass die Beziehung zu Indien in erster Linie deren Vorteil bringt, nicht den eigenen.
Religiöse und ideologische Mobilisierung
Zunehmend spielt religiöse und ideologische Mobilisierung eine Rolle: Islamisch‑konservative Gruppen wie Jamaat‑e‑Islami, Hefazat‑Islam oder andere islamistische Formationen nutzen die Anti‑Indien‑Rhetorik, um ihre eigene Politik zu stärken. Diese Kreise greifen beispielsweise indische Innenpolitik wie die Aufhebung von Artikel 370 in Kaschmir, das Citizenship‑Amendment‑Act (CAA) oder den National‑Register‑of‑Citizens (NRC) auf und stellen sie als Teil einer angeblichen „Anti‑Muslim‑Agenda“ dar. Das schwingt in der Wahrnehmung vieler junger Bangladescher mit, die sich als Angehörige der muslimischen Mehrheit in Südasien sehen und sich von indischen Politikern und Teilen der Medien als Ziel von Hassrhetorik wahrgenommen fühlen.
Soziale Medien als Katalysator
Die eigentliche Beschleunigung dieser Stimmungsverschiebung lässt sich nicht verstehen, ohne die Rolle sozialer Medien zu berücksichtigen. Auf Plattformen wie Facebook, YouTube und X werden Narrative von „indischem Einfluss“, Grenz‑Vorfällen und angeblichen Eingriffen in die innere Politik Bangladeschs emotional aufbereitet und viral verbreitet. Zugleich erreichen junge Bangladescher stärker als je zuvor pakistanische und andere Medien, die eine konträre, anti‑indische Perspektive vermitteln. Auf diese Weise wird ein Teil der Jugend von einem pro‑indischen Narrativ zu einem Narrativ bewegt, das Indien als übermächtigen Nachbarn und potenziellen Bedroher darstellt.
Was das für die Region bedeutet
Die Frage, ob Bangladeschs Jugend „gegen“ Indien ist, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten: Es handelt sich eher um eine radikale Re‑Politikalisierung der Beziehung, die von politischen und mediengestützten Eliten intensiviert wird. Für die Region bedeutet dies, dass die stabile Dreiecksbeziehung zwischen Indien, Bangladesch und Pakistan eine neue Dynamik erhält: Indien riskiert, seine diplomatische Basis in einem strategisch wichtigen Land zu verlieren, während in Bangladesch die Suche nach alternativen Verbündeten – etwa in Richtung Pakistan oder islamischer Netzwerke – zunimmt. Eine nachhaltige Lösung erfordert von Delhi nicht nur neue politische Angebote, sondern auch ein offeneres Verständnis dafür, dass eine ganze Generation in Bangladesch den Anspruch auf Souveränität und gleichberechtigte Partnerschaft deutlich lauter artikuliert.
Quellen
Wendet sich die Jugend Bangladeschs gegen Indien?
Rückblick auf die Beziehungen zwischen Indien und Bangladesch: Die Jugend beider Länder muss an der bilateralen Freundschaft und Zusammenarbeit beteiligt werden