Der jüngste Zollstreit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten hat erneut gezeigt, wie eng die europäische Wirtschaft mit der US‑Politik verwoben ist. Erhöhte Zölle auf Industrie- und Agrarprodukte belasten nicht nur den Export, sondern verdeutlichen auch, dass wirtschaftliche Abhängigkeit schnell zu einem geopolitischen Risiko werden kann.
Laut Ökonom Lars Feld, Leiter des Walter Eucken Instituts, sei es „gefährlich, wenn Europa seine wirtschaftliche und energiepolitische Stabilität von externen Partnern abhängig macht“.
Strategische Autonomie: Ein realistisches Ziel?
In den vergangenen Jahren hat die Europäische Kommission die „strategische Autonomie“ zu einem zentralen Ziel erklärt. Gemeint ist die Fähigkeit, in Schlüsselbereichen – etwa Energie, Verteidigung, Technologie und Rohstoffe – unabhängig von Drittstaaten zu agieren.
Feld betont, dass dies kein Rückzug aus der Globalisierung bedeute, sondern eine Stärkung eigener industrieller Kapazitäten. „Europa muss Partner bleiben, aber zugleich seine Verwundbarkeit reduzieren“, erklärte er in einem Interview mit dem ARD‑Wirtschaftsmagazin Plusminus.
Energie und Rüstung als Schlüsselsektoren
Besonders in der Energieversorgung und Verteidigungsindustrie zeigt sich die Notwendigkeit strategischer Eigenständigkeit. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Europa seine Abhängigkeit von russischem Gas drastisch reduziert, aber eine neue Abhängigkeit von US‑amerikanischem LNG‑Gas entwickelt.
Auch bei der Verteidigung verlässt sich die EU nach wie vor stark auf die militärische Infrastruktur der NATO – und damit auf die Vereinigten Staaten. Feld plädiert daher für mehr Investitionen in europäische Rüstungskooperationen, etwa über das PESCO‑Programm oder den Europäischen Verteidigungsfonds.
Technologie und Rohstoffe: Schlüssel für die Zukunft
Ein weiterer zentraler Punkt ist die technologische Souveränität. Europas Chip‑ und Batterieproduktion bleibt im Vergleich zu den USA und China zurück. Der Aufbau eigener Lieferketten und Forschungsstrukturen – etwa über den EU‑Chips Act – wird entscheidend sein, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.
Ebenso fordert Feld eine aktive Rohstoffpolitik. „Europa sollte Rohstoffpartnerschaften mit Afrika und Lateinamerika strategisch ausbauen, anstatt Abhängigkeiten von wenigen Lieferanten zu riskieren.“
Fazit: Unabhängigkeit als Voraussetzung für Stabilität
Der Zollstreit mit den USA ist weniger Symptom als Warnsignal. Nur wenn Europa seine wirtschaftlichen, technologischen und sicherheitspolitischen Grundlagen stärkt, kann es langfristig souverän agieren.
Wie Feld zusammenfasst: „Europa braucht Partner – aber keine neuen Abhängigkeiten.“
Quellen
Wie wird Europa unabhängiger?
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