Bislang galt in vielen Wirtschaftsverbänden die strikte Nicht-Kooperation mit der AfD als unumstößliches Dogma. Der Verband der Familienunternehmer, dem rund 6.500 familiengeführte Unternehmen angehören – darunter Schwergewichte wie BMW oder Oetker –, hat diese Linie nun offiziell aufgegeben. Beim Parlamentarischen Abend des Verbandes war erstmals der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Leif-Erik Holm, geladen. Holm berichtete, er sei „sofort intensiv ins Gespräch gezogen“ worden – ein Tabubruch, der vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
Von der Hagen begründet diesen Schritt mit der veränderten politischen Realität: „Diese Brandmauer zur AfD – auch auf Bundesebene, die von den meisten Verbänden bislang aufrechterhalten wurde – hat nichts gebracht“, so der Hauptgeschäftsführer. Die wirtschaftliche Realität in Deutschland spreche eine deutliche Sprache: Die AfD ist inzwischen die zweitstärkste Kraft im Bundestag und hat auch in vielen Regionen, insbesondere im Osten, eine starke Basis unter Unternehmern. In Sachsen und Thüringen sei es den Verbandsvertretern „schon lange freigestellt“, die AfD einzuladen, räumt von der Hagen ein. Angesichts der Stärke der Partei komme man gar nicht umhin.
FDP-Lücke und wirtschaftsliberale Erwartungen
Ein wesentlicher Grund für die Annäherung ist der schwindende Einfluss der FDP. Viele Unternehmer erhoffen sich von der AfD jene wirtschaftsliberalen Akzente, die einst das Markenzeichen der Liberalen waren. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bei der Bundestagswahl 2025 wanderten rund 900.000 ehemalige FDP-Wähler zur AfD ab. Ein Erdrutsch, der die tektonischen Verschiebungen in der deutschen Parteienlandschaft offenbart. In Ostdeutschland ist die Realität längst angekommen: Ein sächsischer Unternehmer wird noch deutlicher: „Wirklich jeder Zweite“ der Geschäftsführer in seinem Bundesland sympathisiere mittlerweile mit der AfD.
Kritik an der AfD-Familienpolitik
Die Annäherung erfolgt jedoch nicht unkritisch. Von der Hagen attackiert das Wirtschaftsprogramm der AfD mit scharfen Worten: „Mit der Wirtschaftspolitik, die sie bisher in ihrem Programm haben, würden wir alle einen phänomenalen Schiffbruch erleiden.“ Besonders die Sozial- und Familienpolitik der Partei stößt ihm sauer auf. Der Hauptgeschäftsführer echauffiert sich darüber, dass die AfD anstatt auf Kitas auf die Betreuung der Kinder zu Hause durch Mütter setze. „Die gesamte Philosophie dahinter zielt darauf ab, dass Frauen letztlich aus der Arbeitswelt verdrängt werden“, behauptet er. Das sei für die Gesellschaft nicht finanzierbar und das wirtschaftliche Ende für Betriebe.
Auch in der Sozialpolitik sieht von der Hagen Probleme. Das von der AfD geforderte Rentenniveau von 70 Prozent lehnt er als nicht umsetzbar ab. Hier offenbart sich die klassische Diskrepanz zwischen Unternehmensinteressen und sozialpolitischen Forderungen. Die Kritik an der AfD-Familienpolitik offenbart zudem ein merkwürdiges Verständnis von Wahlfreiheit. Niemand will Frauen zwingen, zu Hause zu bleiben. Es geht vielmehr darum, Familien die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Dass ein Elternteil – ob Mutter oder Vater – sich in den ersten Lebensjahren um die eigenen Kinder kümmert, statt sie in staatliche Betreuung zu geben, sollte keine „schiere Katastrophe“ sein, sondern eine respektierte Lebensentscheidung.
Späte Einsichten und verpasste Chancen
Man muss sich fragen, warum die Wirtschaftsverbände überhaupt so lange bei dieser undemokratischen Brandmauer mitgemacht haben. Sie verhinderte vernünftige Beschlüsse und ignorierte die Realitäten in vielen Unternehmen. Hätten die Verbände früher auf die Sorgen ihrer Mitglieder gehört, statt sich dem politischen Mainstream anzubiedern, wäre Deutschland heute vielleicht in einer besseren Verfassung. Die deutschen Unternehmen stehen vor gewaltigen Herausforderungen: die desaströse Energiepolitik der vergangenen Jahre, die ausufernde Bürokratie und die ideologiegetriebene Wirtschaftspolitik der Ampel-Koalition haben tiefe Spuren hinterlassen. Dass nun auch die Wirtschaftsverbände beginnen, ihre Scheuklappen abzulegen, ist ein Zeichen der Zeit. Ob es für eine Kehrtwende noch rechtzeitig ist, wird sich zeigen müssen.
Quellen
Familienunternehmer-Chef erklärt „Brandmauer“ für gescheitert
Verband der Familienunternehmer gibt offenbar Brandmauer zur AfD auf