Infolge der Sanktionen gegen Moskau hat die EU Vermögenswerte der russischen Zentralbank von rund 210 Milliarden Euro eingefroren, der Großteil liegt beim belgischen Finanzdienstleister Euroclear. Die Staats- und Regierungschefs arbeiten derzeit daran, dieses Geld nicht nur blockiert zu halten, sondern es dauerhaft festzusetzen, um es als Hebel für Hilfen an Kiew zu nutzen.
Parallel dazu haben die Mitgliedstaaten bereits beschlossen, die Zinserträge aus diesen Guthaben an die Ukraine weiterzuleiten. Bis 2025 sind so bereits mehrere Milliarden Euro in EU-Militär- und Wiederaufbaufonds geflossen, ohne dass das Eigentum an den russischen Vermögenswerten formell übertragen wurde.
Zinsen als schnelle Finanzquelle
Erster Baustein der europäischen Strategie ist die Abschöpfung der Zinsgewinne, die auf den blockierten Guthaben der russischen Zentralbank anfallen. Allein 2023 erwirtschaftete Euroclear aus diesen Beständen Milliarden an Zinserträgen, die nun schrittweise für die Finanzierung von Waffen, Munition und Haushaltsunterstützung der Ukraine verwendet werden.
Das Modell sieht vor, dass etwa 90 Prozent der nutzbaren Erträge in militärische Unterstützung und Ausbildung fließen, während ein kleinerer Teil direkt in zivile Wiederaufbau- und Haushaltsmaßnahmen geht. Bis Mitte 2025 hat die EU auf diesem Weg bereits rund 4,7 Milliarden Euro an Kiew ausgezahlt, weitere Einnahmen sind als Sicherheit für neue Kredite verplant.
Reparationsdarlehen und Wiederaufbaukredit
Der zweite, weit ambitioniertere Baustein ist die Idee eines großvolumigen „Reparationsdarlehens“ oder „Wiederaufbaukredits“, der durch russisches Staatsvermögen besichert wird. Die Europäische Kommission schlägt vor, der Ukraine bis zu 90 bis 165 Milliarden Euro als zinsloses oder sehr günstiges Darlehen bereitzustellen, abgesichert durch die eingefrorenen Guthaben der russischen Zentralbank.
Die Konstruktion soll so aussehen, dass die Ukraine das Darlehen erst zurückzahlen muss, wenn Russland künftige Reparationen leistet; diese Reparationsansprüche würden als Sicherheit dienen. De facto würde Moskau damit indirekt für die Finanzierung der Ukrainehilfe aufkommen, während die EU formal darauf verzichtet, das russische Eigentum endgültig zu enteignen.
Rechtliche Gratwanderung und politischer Streit
Juristisch bewegt sich die EU auf schmalem Grat zwischen Sanktionen, Eigentumsschutz und Völkerrecht. Deshalb betonen Kommission und Mitgliedstaaten regelmäßig, dass die Vermögenswerte selbst unangetastet bleiben sollen und zunächst nur die Erträge oder Kreditstrukturen genutzt werden, um nicht den Eindruck eines willkürlichen Vermögensentzugs zu erwecken.
Zugleich warnt insbesondere die Europäische Zentralbank, dass ein zu weitgehender Zugriff auf Staatsvermögen das Vertrauen anderer Anleger in Europa untergraben könnte. Länder wie Belgien, in denen der Großteil der russischen Guthaben liegt, verlangen daher Haftungsgarantien und ein robustes Rechtsfundament, bevor sie einer umfassenden Nutzung der Gelder zustimmen.
G7-Spaltung und internationale Dimension
Die EU versucht, ihre Linie mit der G7 zu koordinieren, um ein geschlossenes Signal an Russland zu senden und Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Finanzplätzen zu vermeiden. In der Praxis gibt es aber Differenzen: Japan hat sich zuletzt gegen Teile des europäischen Plans gestellt, weil Tokio negative Folgen für den Finanzstandort und das Völkerrecht befürchtet.
Washington diskutiert seinerseits Modelle, bei denen eingefrorene russische Vermögenswerte als Grundlage für Investitionsfonds oder gemeinsame Wiederaufbauprojekte dienen, an denen Europa sich mit zweistelligen Milliardenbeträgen beteiligen soll. Damit wächst der Druck auf die EU, aus dem Status quo der bloßen Blockade hinauszugehen und die russischen Vermögen aktiver zu nutzen.
Wie das Geld konkret in der Ukraine ankommt
Bereits in Kraft ist eine makrofinanzielle EU-Hilfe, bei der die Zinserträge aus immobilisierten russischen Zentralbankguthaben zur Bedienung von Krediten an die Ukraine eingesetzt werden. 2025 wurden erste Milliarden-Tranchen im Rahmen der G7-Initiative „Extraordinary Revenue Acceleration“ (ERA) ausgezahlt, die Verteidigungsausgaben und grundlegende staatliche Dienste in der Ukraine mitfinanzieren.
Parallel dazu laufen über den Europäischen Friedensfonds Zahlungen für Waffenlieferungen, Munition und Ausbildung, die zu einem erheblichen Teil aus den abgeschöpften Zinsgewinnen gespeist werden. Sollte der Reparations- oder Wiederaufbaukredit politisch durchgesetzt werden, könnte die Ukraine bis 2027 über eine langfristig gesicherte Finanzierungsquelle verfügen, deren Risiko letztlich bei Russland liegt.
Quellen
Mit Putins Geld: So finanziert Europa die Ukrainehilfe
Eingefrorene Milliarden: Wie die EU Russlands Vermögen für Kiew mobilisiert